Nachrichtenfaktoren und Nachrichtenwerte

Nach welchen Kriterien werden Nachrichten von Journalisten ausgewählt. Das wissenschaftliche Konzept der "Nachrichtenfaktoren" erklärt es.

 

Zwar haben jüngere Umfragen gezeigt, dass das Vertrauen in professionelle Journalisten in Deutschland im vergangenen Jahr wieder leicht zulegen konnte. Und dennoch sind diese Vertrauens-Zuschreibungen auf vergleichsweise niedrigem Niveau, wie bei allen wichtigen Institutionen im weltweiten Maßstab auch. Ob das etwas mit zunehmenden Zweifeln zu tun hat, die in offensichtlich weiten Teilen des Publikums latent gegeben sind: Erhalten wir durch die Medien wirklich die für uns relevanten Fakten?

Ohne die Zweifel des amtierenden amerikanischen Präsidenten zu teilen, der in jüngeren Interviews die Zahl von Fake News Media aus seiner persönlichen Wahrnehmung bei 80 % (!) der Medienlandschaft benannt hat und ohne den Lügenpresse-Schlachtruf von Pegida-Demonstrationen aufzugreifen: unübersehbar gehen die Zweifel an unserer professionellen Nachrichtenversorgung weit über extreme politische Lager auf der rechten oder linken Seite des Spektrums hinaus. Das scheint auch in weiten Teilen mit schlichter Unkenntnis des Publikums zu tun zu haben, nach welchen professionellen Regeln denn Nachrichten in etablierten Medien ausgewählt und bearbeitet werden.

Bei dieser Unkenntnis muss es nicht bleiben. Denn es ist ja gerade die deutsche Forschung, die dieses Thema zu den am meisten, am kundigsten und am fleißigsten bearbeiteten Feldern in der Kommunikations- und Medienlandschaft zählt. Es ist darum genau die richtige Zeit, dass Michaela Maier, Professorin für Angewandte Kommunikationspsychologie an der Universität Koblenz-Landau mit ihren wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die zweite, aktualisierte Fassung des Bandes Nachrichtenwerte auflegt. Auch dieses Mal erscheint das Paperback in der Studienreihe Konzepte - Ansätze der Medien- und Kommunikationswissenschaft im NOMOS-Verlag. In dieser wissenschaftlichen Fachbuchreihe lassen die Herausgeber, die renommierten Hochschullehrer und Kommunikationswissenschaftler, Patrick Rössler und Hans-Bernd-Brosius insbesondere von jüngeren Hochschullehrern wichtige Theorien der sogenannten mittleren Reichweite vorstellen. Die Struktur der bewusst knapp gehaltenen Bücher (100 bis ca. 150 Seiten) ist immer gleich. Die Entwicklung der Forschung wird historisch nachgezeichnet, die Schlüsselstudien werden in Methodik und Ergebnissen detailliert vorgestellt, benachbarte Forschungsfelder werden ebenso wie offene Forschungsfragen skizziert, es folgt eine Top 10 oder wie bei diesem Buch eine Top 15 mit einer kommentierten Kurz-Bibliographie zu den einflussreichsten Veröffentlichungen und eine mehrseitige Literaturliste.

Diesem Aufbau folgt gleichfalls das hier anzuzeigende Buch. Es enthält noch eine wesentliche Ergänzung, da es im Schlussteil alle wesentlichen, in den Schlüsselstudien genannten Nachrichtenfaktoren aufführt und kurz definiert.

Die Kommunikationswissenschaft hat verschiedene Modelle und Konzepte vorgelegt, um die Nachrichtenauswahl des Journalismus zu erklären. Nachrichtenfaktoren sind die Merkmale, die in den Ereignissen selber liegen. Je mehr davon ein Ereignis aufweist, umso höher ist sein Nachrichtenwert. Je höherer der Nachrichtenwert, desto sicherer ist seine Repräsentation in Nachrichtenmedien. Andere Ansätze der Forschung versuchen die Erklärung eher über die Einstellungen und Merkmale der handelnden Akteure sowie ihre Arbeitsroutinen und ihr Umfeld (Medieninstitutionen und Unternehmen etc.) zu erklären. Welche Einstellungen der Journalisten führen zu Auswahl welcher Nachrichten - Fragen die durch die klassische Gatekeeper- Forschung und durch den moderneren Ansatz der News-Bias-Theorie verfolgt werden. Andere Konzepte wie das Agenda Setting und das Framing beobachten, wie Themen es schaffen, die öffentliche Agenda zu beherrschen und welchen Rahmen man ihnen geben muss (framen), um für das Publikum nachvollziehbare Perspektiven zu entwickeln. Diese Festlegung des Hauptgegenstands des Buches und seine Begrenzungen, das leisten eindrucksvoll das einleitende Kapitel 1 und das Kapitel 6 (Verwandte und konkurrierende Ansätze). In den Kapiteln dazwischen werden die einflussreichsten wissenschaftlichen Autoren und ihre Studien en Detail vorgestellt. Michaela Maier und Kollegen beginnen im außeruniversitären Feld, bei Walter Lippmann, dem vielleicht wirkmächtigsten journalistischen Kommentator in den USA des 20 Jahrhunderts. Dann nehmen sie Bezug auf die norwegischen Sozialwissenschaftler Galtung und Ruge, in deren Umfeld die bahnbrechenden Publikationen zu Nachrichtenfaktoren in den 60 er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts publiziert worden sind.

Galtung und Ruge haben diese 12 Nachrichtenfaktoren erarbeitet, die seitdem Grundlage für vielfache Anschluss-Forschung geworden sind: Dauer des Ereignisses/Übereinstimmung mit Periodizität des Mediums (frequency), Schwellenfaktor (threshold), Eindeutigkeit (unambiguity), Bedeutsamkeit (meaningfulness), Konsonanz (consonance), Überraschung (unexpectedness), Kontinuität (continuity), Variation (composition), Betroffenheit von Elitenationen (reference to elite nations), Betroffenheit von Elitepersonen (reference to elite persons), Personalisierung (reference to persons), Negativismus (reference to something negative). Die ersten acht Faktoren galten für die norwegischen Forscher weltweit, die letzten vier als gebunden an jeweilige regionale, nationale oder kontinentale Kulturen.  So ist dies gemeint: eine Nachricht, die eine Elitenation (z.B. Frankreich) in großer kultureller, politischer, historischer und regionaler Nähe betrifft, wird von einem deutschen Journalisten eher ausgewählt.

So beeindruckend und klar dieser Ansatz war, die Forschung ist weiter gegangen und hat weitere Nachrichtenfaktoren erarbeitet. Manche Forscher nennen 19, andere 22. Namhaft geworden sind in den vergangenen Jahrzehnten vor allem die Arbeiten der deutschen Forscher Winfried Schulz und neuerdings von Georg Ruhrmann und Christiane Eilders und andere. Alle diese Forschungen werden inhaltlich und methodisch sehr detailliert und nachvollziehbar dargestellt. Auch die diversen Versuche, die verschiedenen Nachrichtenfaktoren übergreifenden Faktoren zu bündeln, werden skizziert.

Wie immer in dieser Studienbuchreihe, wendet man sich mit besonderer Spannung dem Kapitel zu, in dem Grenzen der bisherigen Forschung kritisch analysiert und Anschlussfragen für die kommende Forschungsagenda formuliert werden. Als Forschungsdesiderat wird vor allem die Bild-Ebene deutlich. Wie sehr spielt es für die Journalisten der Gegenwart und Zukunft eine Rolle, dass das jeweilige Thema überhaupt visualisierbar ist? Ein weiteres Forschungsdesiderat wird nur eher kurz angesprochen, dabei ist es in der Realität eine erhebliche offene Flanke. Es ist doch ganz offensichtlich, dass die Nachrichten-Rezeption vor allem des jüngeren Publikums sich in einem dramatischen Wandel befindet. Diese läuft nämlich zunehmend über das Netz und dort über verschiedene Plattformen und Algorithmen. Wer jedoch seine Nachrichten-Suche dem Google-Algorithmus überlässt oder dem, was seine Facebook-Account ihm über das Weltgeschehen ausliefert oder dem, was die von ihm favorisierten Blogger und YouTuber als Realität abbilden -, der wird wohl kaum nach den in diesem Buch beschriebenen Prozess der professionellen journalistischen Nachrichtenfaktoren bedient. Welche Rückwirkungen haben solche geänderten Rezeptions-Gewohnheiten des Publikums auf die zukünftige Nachrichten-Auswahl der professionellen Medien und Journalisten? Verschiebungen sind doch jetzt schon beobachtbar. Wer einmal einen modernen Newsroom in einem klassischen Zeitungsverlag besucht und dort beobachtet hat, wie die klassischen Nachrichtenressorts ihre Arbeit beginnen, während sie vor sich die Bildschirme mit den Hits und Top 10-Zugriffen auf die Themen der hauseigenen Onlineredaktion sehen, der ahnt, welche wechselseitigen Einflüsse hier gemeint sind. Da liegen vorn: Pop-, Film- und RTL-Stars kombiniert mit einer Menge an Sport-Nachrichten und dann lange nichts.

Ob also die Nachrichtenauswahl neuer und traditioneller Medien sich in den nächsten zehn Jahren noch in den Bahnen der hier vorgelegten Forschungsergebnisse abspielen wird, das bedarf noch weiterer, zeitnaher Anschluss-Forschungen.

Was bleibt von diesem Buch: Journalistische Nachrichtenauswahl ist weder Zauber- noch Hexenwerk noch zieht hier ein unsichtbarer Regisseur irgendwelche Interesse-geleiteten Strippen. Sie nach nachvollziehbaren, fast objektiven Regeln und sie ist gut erklärbar. Die von Maier et al. hier vorgelegte Bestandsaufnahme dessen, was wir gegenwärtig über Nachrichtenfaktoren und Nachrichtenwerte wissen, ist ein außerordentlich wertvoller Beitrag, der die öffentliche Diskussion über den Journalismus der Gegenwart versachlichen kann - wenn er denn nur eine breitere Aufnahme findet. Das ist dem Buch zu wünschen.

 

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 15. Dezember 2018 auf www.markus-kiefer.eu)

Lektüre

Michaela Maier/Joachim Retzbach/Isabella Glogger/Karin Stengel, Nachrichtenwerttheorie, NOMOS, 2. Auflage 2018

Erschienen am 19/05/2019 21:40
von Markus Kiefer
in der Kategorie : Für Sie gelesen