Auf dem Weg zur ganzheitlichen Führungskraft - Impulse von den Coveys

Stephen R. Covey prägt, über seinen Tod hinaus, ganze Manager-Generationen. Zwei aktuelle Publikationen aus dem GABAL-Verlag belegen dies.

Stephen R. Covey ist bereits seit 9 Jahren tot. Und dennoch sind die wichtigsten Bücher des weltweit anerkannten Management-Vordenkers unverändert begehrt. Sie erfahren immer neue Auflagen und auch sogar Fortentwicklungen, wie in dieser Sammelbesprechung anzuzeigen ist. Denn Sean Covey setzt das Werk seines Vaters fort, in der Beratungstätigkeit und durchaus auch publizistisch.

Wie ist der bleibende Erfolg zu erklären, über den Tod Coveys hinaus, den viele für einen der bedeutendsten Management-Vordenker der letzten Jahrzehnte halten? Was macht ihn, neben den anderen großen Namen wie Peter Drucker, Henry Mintzberg, Tom Peters, Jim Collins u.a. so besonders? 

Er selbst hat diese Frage in seinem Buch "Der 8. Weg" sehr eindeutig beantwortet. Die Wertschätzung seiner hier genannten Kollegen kommt in dem Buch zum Ausdruck. Er bezieht sich auf alle, zitiert sie an den passenden Stellen ausführlich. Aber so Covey, er sei in der maßgeblichen Management-Literatur derjenige, der sich am konsequentesten mit der "ganzen Person" befasst. Und zudem der Einzige, der der Orientierung an der Instanz des Gewissens einen so zentralen Rang einräumt, geradezu alle Leitinstanz für die sonstigen Kompetenzen eines echten Leaders. 

Und damit ist das Thema des Buches benannt, das Sean Covey in einem bewegenden Vorwort zum wichtigsten publizistischen Vermächtnis seines Vaters erklärt. Stephen Coveys Kernanliegen ist es, dass die Führungskräfte von morgen eine Haltung, einen Lebensstil, eine Arbeitsweise entwickeln, an der deutlich wird, dass ihr Wirken auch eine spirituelle Dimension hat, dass sie ihre Arbeit auf bleibenden Werten, Prinzipien und Überzeugungen gründen, dass sie ein Werk schaffen wollen, das Sinn und bleibenden Wert auch für die Gesellschaft und Gemeinschaft stiften kann.

In der deutschen Übersetzung ist oft die Rede davon, dass es im Wesentlichen darum geht, "unsere innere Stimme wirkungsvoll zum Ausdruck zu bringen" (z.B. S. 84). Das klingt erst einmal nach Esoterik. Ist es aber nicht. Covey vertritt einen ganzheitlichen Ansatz, den Führungskräfte in ihrem Selbstmanagement folgen sollten. Es geht um eine ausgeglichene kontinuierliche Arbeit an Verstand, Körper, Herz und Geist. Diese vier Dimensionen machen aus seiner Sicht die ganzheitliche Person aus. Er beschreibt an mehreren Stellen des Buches die vier von ihm sogenannten "Intelligenzen", die zu entwickeln und in Gleichklang zu bringen sind. Die mentale Intelligenz zeigt sich in der Fähigkeit, eine Vision entwickeln und mit ihr führen zu können. Die physische Intelligenz zeigt sich in der Fähigkeit, ein diszipliniertes Leben voller Training und Lernen zu führen. Die emotionale Intelligenz führt zu einem Führungsstil mit Leidenschaft. Und die Entwicklung einer spirituellen Intelligenz bindet die Führungskraft an bleibende Werte und an die Selbstkontrolle durch ein ausgebildetes Gewissen. Die von Covey sogenannte "innere Stimme", die einzigartige persönliche Bedeutung, findet der Einzelne nur in einem abgewogenen Austarieren seiner Talente, seiner Bedürfnisse, seiner Leidenschaften und seines Gewissens.

Der Aufbau des Buches ist in seiner Grundstruktur Coveys berühmtesten Buch ähnlich, den "7 Wegen zur Effektivität", das weltweit über 30 Millionen Mal verkauft wurde und ganze Manager-Generationen bis heute maßgeblich beeinflusst. Er geht den Weg von innen nach außen. Zuerst entfaltet er Reflexionen, wie jeder einzelne für sich den Weg für ein tatsächlich sinnerfülltes Leben finden und dadurch zu einer vorbildlichen Führungspersönlichkeit werden kann. Im zweiten Teil zeigt er auf, wie sich, von entsprechend gereiften Persönlichkeiten geführt, auch ganze Institutionen und dadurch auch Unternehmen auf einen analogen Weg begeben können. Dieser Ansatz macht das Buch zu einem sehr besonderen Werk der Führungs-Literatur. 

Covey betont immer wieder, nur Dinge könne man managen, nicht aber Menschen. Das sei das große Missverständnis vieler Manager und Unternehmen. Menschen müsse man führen, nicht managen. Aus Coveys Ansatz im ersten Teil des Buches entwickelt sich konsequent sein eigener Ansatz einer Führungspersönlichkeit, die eine Organisation, eine Institution, ein Unternehmen zu bleibendem Erfolg führen kann. Die effektive Führungskraft der Zukunft füllt nach Covey vier Rollen aus. Als Vorbild geht sie mit gutem Beispiel voran, erkennbar von einer Gewissensorientierung angetrieben. Sie inspiriert zu Vertrauen, durch persönliche moralische Autorität und Integrität. Als Visionär entwickelt sie eine gemeinsame Vision und Werte, unter kommunikativ aktivem Einbezug der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Als Koordinator entwickelt sie Systeme und Prozesse, die das Schiff diszipliniert auf Kurs halten. Und als Coach entdeckt sie die wahren Talente der Untergebenen und setzt ihre Leidenschaft dafür ein, dass die Belegschaften befähigt und legitimiert werden (Empowerment), diese auch selbstinitiativ zu entfalten: "Die Leute dann machen lassen und bei Bedarf Hilfestellung geben." (S. 145). 

Aber der Leser profitiert nicht allein von dem konsequent grundsätzlichen Ansatz des Buches. Die kommende Führungskraft lernt hier auch sehr Konkretes für die eigene persönliche Kommunikation. Wie man die richtigen Fragen stellt, wie man hilfreiche Vorschläge in Prozesse einbringt, die 5 Stufen des Zuhörens (vom eigentlichen Ignorieren und Überhören des Gesagten bis zum einfühlenden, empathischen Zuhören). Allein schon die eindrucksvoll beschriebene indianische Methode des Talking Stick (nur wer den in die Hand bekommt, darf reden und erst wenn er wirklich verstanden ist, wird der Stab weitergegeben) ist ein so konkreter Impuls, dass man sich fragt, warum habe ich das in meinem Einflussbereich nicht schon längst so probiert? Coveys Konzept des "dienenden Führers" (er hat es nicht erfunden, konkretisiert es aber sehr plastisch) ist ein toller Impuls für Mitarbeitergespräche. 5 Leitfragen kann der Leser in solcher Manier dann in seine eigenen Gespräche übernehmen und dadurch eine gute Struktur in Jahres- oder Feedback-Gespräche aufbauen: "1. Wie läuft es? 2. Was lernen Sie gerade? 3. Was sind Ihre Ziele? 4. Wie kann ich Ihnen helfen? 5. Wie gut bin ich als Helfer?" (S. 318).

Der akademisch orientierte Leser bekommt im Anhang ein tolles Add on. Denn hier sind in Anhang 1 und 2 zwei großartige Übersichten zur Auswertung der maßgeblichen, wissenschaftlich geprägten Führungsliteratur erstellt bzw. Kernaussagen der maßgeblichen Autoren zu Führung und Management zitiert. Das ist wunderbares Material, ein Füllhorn für Seminare, Lehrveranstaltungen und Weiterbildungs-Angebote.

Zuletzt: aus welchen Quellen schöpft Covey selber? Er selbst beruft sich auf seine christliche Grundposition. Tatsächlich ist er Mormone, in den USA neben den Juden die drittgrößte Glaubensgemeinschaft. Aber er zwingt seine eigene Überzeugung niemandem auf. Und er bietet und zeigt auch zahlreiche andere spirituelle Quellen und Best Practices großartiger Persönlichkeiten auf, wie zum Beispiel Mohammed Yunus oder Gandhi oder Anwar El Sadat. Sie finden eindrucksvoll Platz in dem Buch, genauso wie beispielsweise Mutter Teresa von Kalkutta oder herausragende Führungs-Persönlichkeiten unter den US-Präsidenten (z.B. Eisenhower). Hier wird kein Leser in eine bestimmte Richtung missioniert. Aber dafür vielfach inspiriert. Ein wirklich eindrucksvolles Buch moderner Führungs-Literatur.

Der "8. Weg" ist eine konsequente Fortentwicklung des Longsellers "7 Wege zur Effektivität". Für den Leser, der vielleicht seine schon länger zurückliegende Lektüre auffrischen will, bietet der deutsche Verlag der Covey-Ausgaben im Herbst 2021 ein flottes, schmales Paperback. In den "7 Wegen zur Effektivität für unterwegs" hat Sean Covey eine Kompaktausgabe des väterlichen Konzepts geschaffen. Zu jedem der 7 Wege gibt es ein paar Kernaussagen und Originalzitate Stephen Coveys. Dazu ein paar Leitfragen, die der Selbsterforschung dienen können. Wirklich Neues gibt es dann im Anhang. Stephen Covey hat seinen Lesern stets die Entwicklung eines persönlichen Leitbilds empfohlen. Wie Unternehmen ein authentisches Leitbild gewinnen können, das ist im "8.Weg" eindrucksvoll und mit Beispielen konkret beschrieben. In dem Pocketbook hat Steve Covey aus dem Werk des Vaters einen knackigen Fragebogen zur Entwicklung eines persönlichen Leitbilds geschaffen. Dazu hat er aus den 7 Wegen Affirmationen für den Leser herausdestilliert. Affirmationen sind aus der Psychologie bzw. der Therapie und aus dem Coaching bekannte, kurze Sätze zur Selbst-Motivation und Selbst-Bestärkung, ein Konzept das aus dem Mentaltraining vor allem Spitzensportlern als Erfolgskonzept schon länger vermittelt wird. Covey hat es hier für die "7 Wege" kreativ adaptiert. Gerade diese Passagen sind sehr anregend und könnten besonders jüngeren Führungskräften zur eigenen Weiterentwicklung dienlich sein.

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer auf www.markus-kiefer.eu vom 15. Januar 2022 

 

Empfehlung

Stephen Covey, Der 8. Weg. Mit Effektivität zu wahrer Größe, GABAL Verlag, Offenbach 12. Auflage 2021, 444 S., ISBN 978-3.86936-985-5, ? 29.90

 

Sean Covey, Stephen R. Coveys "Die 7 Wege zur Effektivität für unterwegs". Zeitlose Prinzipien für eine Welt im Wandel, GABAL Verlag, Offenbach 2021, 163 S. ISBN 978-3-96739-068-1, ? 12,90

Erschienen am 15/01/2022 08:08
von Markus Kiefer
in der Kategorie : Für Sie gelesen
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