Die CDU-Vorsitzenden und das Internet

Seitdem Annegret Kramp-Karrenbauer auf das Video des You Tubers Rezo öffentlich mit deutlicher Kritik reagierte, steht sie unter massivem Beschuss der Medien und Teilen der Öffentlichkeit. Was lernen wir daraus?

Die CDU-Vorsitzenden und das Internet - eine eigene Geschichte, wenn man an früher belächelte Einlassungen von Angela Merkel und die aktuellen ihrer Nachfolgerin als CDU-Vorsitzende denkt. Auffällig ist: Seitdem Kramp-Karrenbauer neue Regeln für die Debatte und Diskussionskultur im Netz einforderte, steht sie unter massivem Beschuss. Ihre eigenen Zustimmungswerte ebenso wie die ihrer Partei gehen seitdem zurück. Jede Äußerung von ihr wird inzwischen auf die Goldwaage gelegt. Spannend ist auch, dass von Anfang gar nicht über ihre (medienpolitische) Forderung, sondern über die Person der neuen CDU-Vorsitzenden und ihre mögliche Eignung oder Nichteignung für höhere Ämter erregt diskutiert wurde. Dabei hat die zweifellos hoch intelligente Frau offensichtlich in ihrer Kernforderung vor allem darauf aufmerksam machen wollen, dass auch das Internet kein rechts- und regelfreier Raum sein kann. Oftmals wurden ihre Einlassungen als zumindest "unglücklich formuliert" eingestuft. Aber, wie könnte man das zweifellos mehr als berechtigte Anliegen - in der Sache eigentlich eine kaum begründungsbedürftige Selbstverständlichkeit - so formulieren, dass nicht sofort der Protestschwall der hellwachen Netz-Aktivisten, verstärkt durch manchen öffentlich-rechtlichen Fernseh-Resonanzboden, zur Kakophonie mit einem Schwellenwert ansteigt, dass gar keine sachliche Debatte mehr möglich ist? Der Vorgang zeigt vor allem eines. Es sind inzwischen mehrere "Öffentlichkeiten" entstanden, die teilweise gar keine Schnittmengen mehr haben, keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsamen Begriffe. Sie existieren unverbunden nebeneinander. Die Talkrunden in ARD und ZDF haben nichts mehr gemein mit den Community-Diskursen im Netz. Dort werden die klassischen Medien-Öffentlichkeiten gar nicht mehr beachtet. Im Grunde werden sie verachtet - und ignoriert. Die politische Semantik der etablierten Parteien orientiert sich allerdings an der Agenda und an der Sprache von von "Tagesschau", "Tagesthemen", "Heute", "Heute-Journal", "Hart, aber fair", "Anne Will", "Maybrit Illner" und "Markus Lanz". Ein weitgehendes Mißverständnis dessen, was das moderne Internet, was das Web 2.0 für das Entstehen von Öffentlichkeit bedeutet, kommt erschwerend hinzu. Man kann sich kaum vorstellen, dass in den Parteizentralen der etablierten Parteien das "Cluetrain-Manifest" bekannt ist. Geschweige denn, dass es als Maßstab für die Kommunikation im Netz genommen wird. Wer das "neue Netz" in seinen Gründungs-Ideen kennt, der muss davon ausgehen, dass klassisch-hierarchische Strukturen, auch klassische Strukturen mit dem allergrößten Misstrauen betrachtet werden - und sie allenfalls noch und auch nur dann toleriert werden, wenn sie eine andersartige Kommunikation auf Augenhöhe und eine Kultur des Zuhörens praktizieren. Im Ergebnis prallen nicht Welten aufeinander, sondern auseinander. Und hier liegt der Kern des Problems der politischen Kommunikation unserer Tage. Und nicht im Kopf der jeweiligen CDU-Vorsitzenden. 

 

Markus Kiefer 

 

(Kolumne von Markus Kiefer vom 1. Juli 2019 auf www.markus-kiefer.eu)

Erschienen am 01/07/2019 08:40
von Markus Kiefer
in der Kategorie : Auf den Punkt