Die Macht der intuitiven Entscheidung

Spontane Bauchentscheidungen müssen nicht schlechter sein als jene, die durch umfassende Analysen langfristig vorbereitet werden. Malcolm Gladwell zeigt das eindrucksvoll in seinem Buch "Blink!" auf, das 2005 erstmals veröffentlicht wurde und seitdem in verschiedenen Sprachen und Auflagen erschienen ist.

Vic Braden war einer der besten Tennistrainer der Welt. Er sah alles, was Profis richtig und falsch machten. Und zwar sofort. Er konnte in 19 von 20, manches Mal in 20 von 20 Fällen erkennen, dass ein Profispieler einen Doppelfehler beim Aufschlag machen würde, deutlich bevor der geschlagene Ball im Netz oder im Aus landete. Er wusste es einfach intuitiv, er las es irgendwo an der Bewegung, am Ballwurf oder wo auch immer ab. Er wusste es einfach, sofort. Der Witz war allerdings, dass er es nicht erklären konnte.

 

Als das J.-Paul-Getty-Museum in Los Angeles 1983 eine vermeintlich uralte, sehr seltene griechische Skulptur aufkaufte, tat es dies, nachdem archäologische und geologische Experten das Kunstwerk ausführlich begutachtet hatten - und doch spürten nach dem Ankauf weitere Experten im Moment der allerersten direkten Begegnung mit dem Stück, dass irgend etwas nicht stimmte, ohne dass Sie sofort explizit sagen konnten, was das war - und tatsächlich stellte sich die Sache nachträglich als Fälschung heraus.   

 

Als das Pentagon den Einmarsch in den Irak Saddam Husseins trainierte, wählte man für Test- und Manöver-Übungen als Gegner-Imitator einen pensionierten Marines-General, der seit seinen Vietnam-Einsätzen als wagemutiger, draufgängerischer, unkonventioneller und intuitiver Kommandant aufgefallen war. Er schlug im Test die Angreifer-Truppen mit Leichtigkeit. Diese hatten ihre Manöverpläne auf ausführlichste, fast wissenschaftliche Analysen und Prognosen aufgebaut. Diese brücksichtigten alles, was bislang alles militärisch bekannt war und wie es normal-geplant zugehen könnte. Der Hussein-Imitator hielt mit völlig überraschenden und unkonventionellen Spontan-Entscheidungen dagegen - und siegte.  

 

Warum sind unsere Spontanurteile und unsere Bauchentscheidungen manches Mal die besseren als jene lange und sorgfältig abgewogenen, rationalen Vorgehensweisen? Diesem Phänomen ist Malcolm Gladwell in seinem faszinierenden Bestseller "Blink!" nachgegangen. Der britisch-kanadische Autor ist zweifellos einer der weltweit erfolgreichsten Wissenschafts-Journalisten. Der langjährige Wissenschafts- und Wirtschaftsredakteur der "Washington Post", später des "New Yorker" ist spätestens seit seinem Bestseller "Tipping Point" (Erscheinungsjahr 2000), einer der erfolgreichsten Übersetzer wissenschaftlicher Erkenntnisse in populäre Publikationen -, stets eingängig geschrieben, verständlich für ein Laienpublikum, mit wunderbaren Geschichten exemplarisch arbeitend - und stets mit exakten Quellenverweisen auf die akademische Literatur und wissenschaftlichen Studien, auf denen die Berichte fußen.

 

Auch die drei eingangs genannten Beispiele stammen aus "Blink!". "Blink" ist für den Autor jener Moment oder es sind jene magischen zwei Sekunden, in denen uns buchstäblich ein Licht der Erkenntnis aufgeht. In denen eine Spontan- oder eine Bauchentscheidung gefällt wird, in denen eine geniale Einsicht auf einmal glasklar vor unseren Augen steht. In denen wir intuitiv wissen, was richtig ist, was zu tun ist. Mit einer Fülle eindrucksvoller tatsächlicher solcher Begebenheiten wartet das Buch auf.

 

Gladwell hat es aus drei Gründen geschrieben. Dem Leser soll die Macht der spontanen Eindrücke und Urteile bewusst sein - und die Erkenntnis, dass so getroffene Entscheidungen nicht schlechter sein müssen als die sorgfältig, rational, mühevoll erarbeiteten. Wir sollen aber zweitens auch erkennen, wann und in welchen Konstellationen wir diesen, auf "Blink!"-Momenten beruhenden Entscheidungen trauen können - und wann es doch besser ist, weiteres Wissen, weitere Erfahrungen und Perspektiven heranzuziehen, bevor wir endgültig entscheiden. Und drittens will der Autor Mechanismen und Fertigkeiten aufzeigen, wie man das spontane erste Urteil verfeinern und erhärten kann.

 

Das Buch bietet auch 14 Jahre nach seinem ersten Erscheinen in englischer Sprache eine faszinierende Lektüre. Wer er es in zeitlich nahem Zusammenhang mit Daniel Kahnemans  "Schnelles Denken, langsames Denken" und mit Robert Cialdinis "Psychologie des Überzeugens" liest, dürfte besonders von den offenkundigen wissenschaftlichen Zusammenhängen der Entscheidungstheorie und der Verhaltenspsychologie profitieren.

 

Markus Kiefer

 

(Kolumne von Professor Dr. Markus Kiefer vom 15. August 2019 auf www.markus-kiefer.eu)

 

Empfehlung

 

Malcolm Gladwell, Blink! Die Macht des Moments, Ungekürzte Taschenbuchausgabe, Piper Verlag, München 2007

Erschienen am 15/08/2019 09:54
von Markus Kiefer
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