Die unwahrscheinliche Katastrophe - einkalkulieren!

Von der Politik ist nun immer häufiger der Satz zu hören: Mit einer solchen epidemischen Katastrophe habe niemand rechnen und sich dies auch niemand vorstellen können. Ist das wahr?

Am letzten Wochenende las ich ein Zitat aus einer älteren Ausgabe des Harvard Business Review. Dort beschrieben die Kollegen Mitroff und Alpaslan ihren Eindruck aus Studien zur Krisenprävention ziemlich drastisch so: "Sogar bei gut geführten Unternehmen glauben viele Vorgesetzte insgeheim, eine Krise auch überwinden zu können, ohne zuvor einen Plan erarbeitet zu haben. Aus diesem Grund betrachten sie Krisenprävention als unnütze Sandkastenübung, die - wenn es denn sein muss - auch sporadisch stattfinden kann ...". 

Öffentlich kommunizieren würden Topmanager dies natürlich ebenso wenig wie Spitzenpolitiker. Da ist dann eher das Gegenteil zu hören und zu lesen. Eher Töne wie diese, die ich am gleichen Tag las wie das Zitat oben. Fraport-Chef Stefan Schulte auf die Interview-Frage nach seinem Gefühl, wenn er jetzt durch die leeren Terminals  in Frankfurt gehe: "Das haben wir in früheren Krisen nie erlebt und uns auch nicht vorstellen können. Wir spielen viele Risikoszenarien immer wieder durch. Aber ein solches Szenario hat es noch nie gegeben." (Interview "Reisefreiheit muss wieder ermöglicht werden", in: WAZ vom 25. Mai 2020). 

Warum eigentlich nicht? Der Wiedereintritt der nächsten (weltweiten) Pandemie war doch vielfach von Experten als zeitlich nahe bevorstehend warnend bezeichnet worden? Und schon bei SARS und Ebola war die Welt doch nur knapp an der weltweiten Katastrophe vorbei geschrammt. Und dann kann sich der CEO eines weltweit bedeutenden Flughafens das nicht vorstellen? Lässt keine Trainings darauf ausrichten? Merkwürdig. 

Merkwürdig, aber keineswegs selten. Hören wir nicht auch aus der Politik in diesen Tagen immer häufiger genau dies? Eine Situation wie diese habe man sich, habe sich niemand vorstellen können. Offensichtlich nicht, wie man an der Vorbereitung des Gesundheitssystems, an der Abwesenheit von Schutzmasken und medizinischem Notfallgerät ablesen konnte.

Aber, warum war das eigentlich so? Hat sich das wirklich niemand in der verantwortlichen Politik vorstellen können? Sollen wir das wirklich glauben? Tun wir das einfach mal. Es würde aber im Ergebnis einen Zustand der Politik ausweisen, der in jeder Hinsicht bedenklich ist. Nicht, was die akute Phase des Krisenmanagements betrifft. Da haben die Politiker durch die Bank und unabhängig der parteipolitischen Couleur auf nahezu allen Entscheidungsebenen einen vorzüglichen Job gemacht. Akute Krisen managen, das kann die  viel gescholtene Politik. Und das oft sogar besser als viele große Unternehmen, die in kritischen Situationen oft schlecht aussehen.

Aber was ist mit der Krisenprävention? Wenn es stimmt, dass sich die Verantwortlichen das Ausmaß der Katastrophe nicht vorstellen konnten, dann sagt das alles über ihr Verhältnis zu ihren eigenen professionellen Kommuniationsmanagern. Denn deren Job ist ja die Krisenprävention. Deren Job ist das Issues Management. Deren Aufgabe ist es, die unbequemen Fragen zuzulassen, problematische Situationen vorstellbar zu machen, diese in Szenarien zu denken, zu trainieren und Antworten zu finden.

Und wenn die Verantwortlichen in der Politik nun sagen, man habe sich das Unfassbare nicht vorstellen können - dann bedeutet es, einer hat seinen Job nicht gemacht. Entweder die Politik oder deren PR-Manager. Entweder haben die PR-Manager kein gutes Issues Management gemacht und solche Szenarien nicht gesehen. Oder aber sie haben sie gesehen und den Verantwortlichen zugetragen - und die haben es nicht ernst genug genommen. Eines von beiden muss stimmen.   

Und deswegen gehört es zu den ureigenen Verantwortungen von PR- und Kommunikations-Managern, das Unbequeme, das Unfassbare, die große Krise zu denken - und all dem einen Platz in der Krisenprävention zu geben. Und eine gute Krisenprävention traut sich an das scheinbar Unmögliche und fragt: Könnte es trotzdem passieren? Beim Reaktorunglück in Fukushima vor 10 Jahren hatte man durchaus das Szenario einer großen Flutwelle durchgespielt. Aber eben nur mit einer statistischen Durchschnittshöhe der Flutwellen der letzten Jahre. Nicht mit der unwahrscheinlichen Höhe von 20 Metern, die aber möglich war - weil es sie schon gegeben hatte, wenn auch lange zurückliegend.  Das war unwahrscheinlich, aber möglich. Und dann kam die Welle mit 20 Metern. Und wenn es möglich ist, dann müssen wir uns damit befassen, in Vor-Krisenzeiten. Auch wenn das viel Vorstellungskraft erfordert und nicht zuletzt: viel Mut. Die besten Krisenmanager arbeiten in der Prävention ebnen nicht einfach mit der Annahme durchschnittlicher Risiken. Sie rechnen mit dem unwahrscheinlichen, aber möglichen, überdurchschnittlichen Risiko. 

So aber müssen Kommunikationsmanagement Politik und Unternehmen in Zukunft denken, wenn sie eine Krisen-Prävention neu aufstellen wollen, die ihren Namen verdient und uns alle schützt. 

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 1. Juni 2020 auf www.markus-kiefer.eu)

Erschienen am 01/06/2020 09:24
von Markus Kiefer
in der Kategorie : Auf den Punkt
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