Führen und entscheiden - Mitarbeiter einbeziehen

Kürzlich trennte sich der Deutsche Handballbund vom jungen Bundestrainer Christian Prokop. Der Zeitpunkt überraschte alle. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass nicht alle Begründungen öffentlich auf den Tisch kamen.

Während der letzten Europameisterschaft, als die deutschen Handballer nur mühsam ins Turnier kamen - sich dann aber trotz schmerzlich-unglücklicher Niederlagen doch noch bis zu einem fünften Platz durchkämpften, hätte es wohl weniger überrascht. Jetzt aber kam für die Öffentlichkeit die plötzliche Abkehr der Handball-Funktionäre von ihrem jungen Bundestrainer, nur wenige Wochen vor dem Olympia-Qualifikationsturnier im Mai, doch sehr abrupt und überraschend.

In vielerlei Hinsicht sind diese Entscheidung und ihre öffentliche Begründung befremdlich. Im Wesentlichen bleibt als Grund, dass Prokops Nachfolger Alfred Gislason, zweifellos einer der profiliertesten Trainer der Welt, plötzlich auf dem Markt und kurz vor der Verpflichtung durch eine konkurrierende Nation war.

Es ist schade, dass Christians Prokops Führungsstil nicht länger zu beobachten ist. Denn unter dem Gesichtspunkt einer modernen Mitarbeiterkommunikation hatte der junge Thüringer in kürzester Zeit einen fulminanten Wandel seines Führungsstils vorgenommen. Und zwar erfolgreich. Hatte er am Anfang noch durch Anweisungen und Ansagen geführt und hatte damit noch erheblichen Widerstand gerade seiner etablierten Führungsspieler provoziert, durchlief er einen schnellen Lernprozess. Er tat das, was bei Führungskräften nun nicht gerade tagtäglich beobachtet werden kann. Bei der Beseitigung der Misere fing er bei sich selbst an. Er nahm sich die Kritik zu Herzen, reflektierte dies, ließ sich kompetent beraten und führte intensive, tiefe Einzelgespräche mit seinen Spielern. 

Im Ergebnis war bei den Spielen der deutschen Handballnationalmannschaft nun ein völlig anderer Führungsstil und Umgang von Trainern und Spielern augenfällig. Auf faszinierende Weise ganz besonders bei den Auszeiten während des Spiels. Wo andere, autoritäre Trainer wild Taktik-Tafeln bekritzeln und ihren Spielern Befehle zubrüllen, sorgte Prokop für Ruhe und Sammlung. Er besprach sich mit seinen Spielern, fragte nach, ließ sich von seinen Spitzenleuten Vorschläge machen, ja am Ende übergab er sogar dem Abwehrchef den Kommandostab und forderte ihn auf, den Teamkameraden anzusagen, wie man sich taktisch verhalten solle. Der kurze, aber stets intensive Austausch endete dann jedes Mal mit einer motivierenden, Mut machenden Ansage des Coaches. 

Und wer sich dann fragte, ob der Mann denn hier seine eigene Verantwortung vielleicht unangemessen weiterreichte, der musste nur auf die allerletzten Auszeiten eines Spiels achten. Denn nun, wenn alles auf des Messers Schneide stand und die Spieler in emotionalen Ausnahmesituationen waren, nahm der Trainer ihnen diese Entscheidung ab und gab wieder selbst glasklare Ansagen. 

Das ist ein moderner Stil der Mitarbeiterkommunikation. Er bezieht Mitarbeiter mit ein, er hört sie, er gewährt Dialoge auf Augenhöhe, er ermutigt zur Übernahme von Verantwortung. Ein solcher Stil ist keine Schwäche, er zeigt vielmehr Souveränität und Stärke. Und die Spieler schätzten das ganz offensichtlich - und sie verbalisierten dies auch.

Aber eine Spitzensport-Organisation ist oftmals noch eine straffe klassische (Männer-) Hierarchie. Gut möglich, dass Prokops Art manchem der Funktionäre ein großer Dorn im Auge war, denn in solchen Organisationen herrscht oft eine straffe Top down-Befehlskultur und geschätzt wird der Trainer-Generals-Typ. Eben das war Christian Prokop zuletzt nicht mehr - und das machte die Faszination seiner modernen Mitarbeiterkommunikation aus. Schade, dass seine Intelligenz, seine Integrität und schnelle Lernbereitschaft und -Fähigkeit nicht belohnt worden sind.

In seiner Abberufung muss man aber keinesfalls ein Scheitern seines Führungsstils sehen. Es könnte ja durchaus sein, dass nicht Prokop, sondern der Deutsche Handballbund gescheitert ist.

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 1. März 2020 auf www.markus-kiefer.eu)

Erschienen am 01/03/2020 08:46
von Markus Kiefer
in der Kategorie : Auf den Punkt