Ist schnelles Denken schlecht?

Der Homo Oeconomicus, der vermeintlich allein rational handelnde Wirtschaftsakteur, der Konsument, der seine Entscheidung kühl und abwägend trifft, vernünftigen Argumenten (immer) zugänglich ist. Wenn wir ehrlich sind, dann ist diese Vorstellung in Unternehmen aller Art bei den Machern und Praktikern noch weit verbreitet. Nicht wenige richten die Inhalte und Mittel ihrer Marketingkommunikation nach wie vor danach aus. Wer die Arbeiten des weltweit vielleicht bedeutendsten Psychologen kennt, sieht die Dinge anders.

Denn die moderne Wissenschaft bereits vielfache Zweifel an der Vorstellung des vor allem rational handelnden Wirtschaftsakteurs ausgebreitet, wie sie die klassische Nationalökonomie jedenfalls lange Zeit vorgetragen hat. Vor allem die Neurowissenschaften und die moderne Psychologie haben dazu beigetragen, hieran gravierende Zweifel anzumelden.

Vor allem diesen Wissenschaftsdisziplinen verdanken wir die Erkenntnis, dass unsere Urteile und Entscheidungen tatsächlich über zwei Ebenen laufen. Die Bezeichnungen Autopilot und Pilot haben den Eingang in die Umgangssprache gefunden. Gemeint sind Entscheidungen, die fast von selbst zustande kommen (Autopilot) und solche, die eher einer bewussten Steuerung bedürfen (Pilot).

Diese Unterscheidung geht auf vielfache Arbeiten zurück, die im zweiten Teil vergangenen Jahren weltweit von vielen Forschern der modernen Psychologie geleistet worden sind. Mehr noch als alle anderen stehen hierfür die Namen von Daniel Kahneman und Amos Tversky. Beide zählten bzw. zählen zu den weltweit bedeutendsten Wahrnehmungspsychologen (Kognitionspsychologen). Für ihre Arbeit wurde Kahneman 2002 der Nobelpreis für Wirtschaft zugesprochen. Sein kongenialer Partner Amos Tversky war zu diesem Zeitpunkt schon verstorben.

2011 veröffentlichte Kahneman, der als Psychologie-Professor an der Universität Princeton lehrt, seinen Weltbestseller "Thinking, fast and slow" vor, der hier in der deutschen Paperback-Ausgabe angezeigt wird. In dieser Edition sind am Ende auch die beiden Aufsätze abgedruckt, auf die sich das Nobel-Komitee in seiner Preisbegründung 2002 bezog.

In den Arbeiten von Kahneman/Tversky und in diesem Buch wird die oben aufgezeigte Unterscheidung als System 1 und System 2 bezeichnet. System ist das schnelle intuitive Entscheiden. Es beruht auf oft unbewussten Heuristiken bzw. Faustregeln. System 2, von Kahneman, als "faul" und eher arbeitsunwillig bezeichnet, kommt immer dann ins Spiel, wenn es um langsames, bewusstes, kalkulierendes, rechnerisches, vergleichendes Abwägen geht, unter Zuhilfenahme von Recherche-Techniken, um möglichst viele Informationen zu erschließen. Es ist der kontrollierte und kontrollierende Teil unserer Entscheidungsmechanismen.

Beide Systeme spielen bei unseren Entscheidungen und bei der Urteilsfindung eine Rolle. In jedem von uns arbeiten beide Systeme. Die meisten arbeiten wohl schwerpunktmäßig mit System 1 und folgen oft ihrem Bauchgefühl, ohne jedes Mal bewusst angeben zu können, warum sie es tun. Deswegen widmet sich das Buch schwerpunktmäßig dem System 1.

Wie System 1 funktioniert, wird im ausführlichen ersten Teil beschrieben. Es ist faszinierend zu lesen, durch welche vereinfachenden Techniken wir uns hier zu schnellen Entscheidungen verleiten lassen (Halo-Effekt, Kohärenz, Affektheuristik, Ersetzung von Fragen, Priming, Framing und viele mehr). Kahneman breitet einen souveränen Überblick zum Stand der Forschung aus. Seine Experimente und die seiner Kollegen werden anschaulich, leicht nachvollziehbar ausgerollt.

Teil Zwei des Buches beschreibt, ebenfalls durch Darstellung bisheriger Studien, Experimente und Forschungsergebnisse, die wirksamsten Heuristiken (Faustregeln) und am meisten verbreiteten Verzerrungstechniken (Anker-Effekt u.a.). Dieser Teil des Buches ist eine durchaus erschreckende Lektüre. Zeigt er doch, wie leicht wir durch bestimmte Rahmen-Setzungen in unseren schnellen Urteilen geführt und natürlich auch manipuliert werden können.

Teil 3 beschreibt Mechanismen der Selbstüberschätzung in Urteilsfindungen. Wer dies liest, wird über sein blindes Vertrauen in Expertentum gewiss noch einmal selbstkritisch reflektieren wollen.

Teil 4 setzt sich mit klassischen und modernen Entscheidungs-Theorien kritisch auseinander. Schwerpunkt ist der Ansatz der "Neuen Erwartungstheorie". Lohnenswert ist die Lektüre dieses Abschnitts allein schon für das Verständnis der weit verbreiteten "Verlustaversion", mit der zahllose Entscheidungen getroffen werden.

Teil 5 beschließt das Buch mit der beeindruckenden Unterscheidung unserer beiden "Selbste". Das eine "Selbst" erlebt und geht durch das Ereignis. Das andere "Selbst" formiert und speichert die Erinnerung daran. Das liest sich wie das Eintauchen in zwei unterschiedliche Welten.

Daniel Kahneman kommt seinem Werdegang nach aus der Welt statistisch geprägter Entscheidungen, vertraut insofern naturgemäß daher auf System 2. Dennoch darf sich das Buch nicht als ein Plädoyer gegen das schnelle Entscheiden nach Bauchgefühl und Intuition lesen lassen. Das wäre ein Missverständnis. Das Verstehen von System 1 ist allein schon deswegen wichtig, weil seine Grundannahmen natürlich auch in die Entscheidungen von System 2 einfließen. Das lässt sich nicht wie im Labor trennen. Und natürlich wird es viele Situationen geben, wo die intuitiven Entscheidungen von System 1 vollkommen ausreichen und angemessen sind.

Das Buch ist vielmehr ein kluges Plädoyer dafür, dem System 1 nicht blind zu vertrauen und zumindest immer wieder die verzögernde Kontroll-Schleife des reflektierenden Verstandes einzubauen und zu überlegen, wo noch eine zusätzliche Runde über das System 2 geboten sein könnte, um zu einer reiferen, abgewogeneren, überlegteren Entscheidung zu kommen - allein schon, um sich vor Verzerrungsfehlern aus System 1 zu schützen. Wer das Buch so liest, der dürfte Daniel Kahneman verstanden haben.

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 15. März 2019 auf www.markus-kiefer.eu)

Lektüre

Daniel Kahneman, Schnelles Denken, langsames Denken, Penguin Verlag/Siedler Verlag, München 2017

Erschienen am 19/05/2019 17:45
von Markus Kiefer
in der Kategorie : Für Sie gelesen