Joe Kaeser hat sich verzockt - die Fridays-For-Future-Kids lassen sich nicht einkaufen

Hat Joe Kaser einen Fehler gemacht, als er "die deutsche Greta" Luisa Neubauer angesichts der zunehmenden Proteste gegen das australische Siemens-Pro-Kohle-Engagement zum 4-Augen-Gespräch lud?

Siemens-CEO Joe Kaeser hat sich verrechnet. Man kann auch sagen, er hat sich veritabel getäuscht. Seine Kommunikation rund um die Herausforderung durch die deutsche Sektion der Fridays-For-Future-Bewegung geriet schnell außer Kontrolle. So sehr, dass viele Kommentatoren sich nun fragen, ob der Mann an der Spitze des deutschen Exportunternehmens schlechthin noch zu halten sei bzw. sein in Kürze zur Verlängerung anstehender Vertrag nun wohl auslaufen müsse.

Vielfach ist seine Gesprächseinladung bzw. sein Treffen mit Luisa Neubauer, dem Gesicht der deutschen Umwelt-Aktivisten, ein krasser Fehler gewesen sei. Dass man die prominente Aktivistin wohl besser nicht durch die Einladung zum 4-Augen-Gespräch geadelt habe.

Das kann man jedoch ganz anders sehen. Als bekannt wurde, dass die deutschen Friday-For-Future Gruppen gegen das Siemens-Engagement bei dem riesigen australischen Kohlekraftwerk vor zahlreichen deutschen Siemens-Niederlassungen demonstrieren würden, zog der Spitzenmann von Siemens durch seine Gesprächseinladung auf sich und zentralisierte die öffentliche Aufmerksamkeit auf die zentrale Konzernkommunikation. Er zog sie dadurch ab aus der Etappe, wo die Gefahr widersprüchlicher Botschaften durch die Berichterstattung zahlreicher regionaler Medien drohte. Denn nun richtete sich der Fokus auf die Münchener Zentrale und die Begegnung der beiden Protagonisten. Das war ein cleverer Schachzug in der Perspektive einer Integrierten Unternehmenskommunikation, die das Sprechen mit einer Stimme und gleichlautenden Botschaften zu sichern hat. Das Angebot eines persönlichen Gespräches kann sowieso kein Fehler sein, im Gegenteil. Meistens hilft gerade das, wenn die Situation kritisch ist. Die Personalisierung der Diskussion war gleichfalls gut überlegt. Denn eine Berichterstattung über die beiden Prominenten Gesprächspartner in der Münchener Konzernzentrale war medial allemal interessanter als die Aufnahmen von verstreuten Diskussionen von irgendwelchen Standortleitern mit namenlosen Protestanten irgendwo vor irgendwelchen Siemens-Werkstoren.

Der Fehler jedoch war das Angebot eines Aufsichtsratsmandates an Frau Neubauer im gleichen Zug ? und das sofortige öffentliche Bekanntmachen dieses Angebots. Das musste in der breiten Öffentlichkeit wie ein Einkaufen der Kritiker wirken. Berechnende Konzernstrategie, genau so wie man sich das von grossen Unternehmens-Giganten so vorstellt. Und weswegen, ganz nebenbei, diese Konzerne und Ihre Spitzenrepräsentanten seit Jahren unter zunehmendem Vertrauensentzug der Öffentlichkeiten leiden. Das war alte Denke gegen junge und leidenschaftlich-engagierte Denke. Das musste schiefgehen.

Wie einfach wäre es gewesen, die Kommunikation über dieses Gespräch sehr reduziert zu halten. Etwa so: Intensiver Gedankenaustausch, Positionen kritisch gegeneinandergehalten, keine Formelkompromisse gesucht - vielmehr Versuch, den andern zu verstehen und nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Wir haben beschlossen, den Gesprächsfaden zu halten suchen nach geeigneten Wegen, ihn zu intensivieren. Ansonsten haben wir vereinbart, keine weiteren Details mitzuteilen. 

Und natürlich: Kein Wort über Angebote zum Einbezug in Gremien, selbst dann nicht, wenn sie tatsächlich gemacht wurden. 

Dies wäre die wesentlich klügere Kommunikation über das eigentlich klug angesetzte Gespräch gewesen.

Nach dem Kommunikationsdesaster von Joe Kaeser wissen wir eigentlich nur eines. Die Fridays-For-Future-Bewegung lässt sich nicht einkaufen. Dies aber hätte man schon vorher annehmen müssen.

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 1. Februar 2020 auf www.markus-kiefer.eu)

Erschienen am 01/02/2020 08:17
von Markus Kiefer
in der Kategorie : Auf den Punkt
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