Kapitalismus und Sozialethik

Zwischen Kapitalismuskritik und Ordnungspolitik - wo steht die Christliche Gesellschaftslehre?

Eigentum verpflichtet! Welcher Deutsche würde diesen Satz nicht unterschreiben? Würde man in einer Straßenumfrage nach dem geistigen Vater des Satzes fragen, dann würden derzeit vermutlich nicht wenige mit Kevin Kühnert antworten. Tatsächlich war es aber Basilius von Cäsarea, einer der sogenannten katholischen Kirchenväter, der den Satz und die dahinter stehende Vorstellung  von sozialer Verpflichtung gerade der besonders Reichen schon im vierten Jahrhundert prägte. Und damit den Urgrund christlicher Wirtschaftsethik legte.

 

Diese und viele andere wertvolle Einsichten gewinnt der Leser des Essays "Der Markt und  das Soziale. Überlegungen aus der Tradition christlicher Ethik und katholischer Soziallehre". Der spitzig geschriebene 16-Seiter stammt aus den Federn von Peter Schallenberg und Arnd Küppers. Dr. Küppers ist stellvertretender Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach. Direktor der traditionsreichen katholischen Denkfabrik, einer Einrichtung der Deutschen Bischosfskonferenz, ist Dr. Peter Schallenberg, Professor für Moraltheologie an der Katholischen Fakultät Paderbron.

 

Wo ist der Ort der katholischen Soziallehre bzw. der Christlichen Gesellschaftslehre heute? In einer Zeit, da sich der gegenwärtige Papst schon vor Jahren an die Spitze einer radikalen Kapitalismuskritik stellte, als sein erstes Apostolisches Schreiben in dem Fanal gipfelte: "Diese Wirtschaft tötet". Welche Wirtschaftsordnung aber ist es, die ein christlicher Glaube einfordert? Jedenfalls kein bestimmtes, kein definitiv ausbuchstabiertes statisches Modell, wie die beiden Theologen darlegen. Die Soziallehre der Kirche ist ein Gefüge aus Grundwerten und Prinzipien, die eine Ordnung des sozialen Zusammenhalts und Zusammenlebens umreißen, aber eben kein bestimmtes Modell für alle Zeit einfordern. Es ist eine Sammlung von relativ offenen Sätzen, die geeignet sein müssen, auch aktuelle soziale oder ökonomische Umbrüche wahrzunehmen, kritisch zu analysieren, zu deuten und diese unter orientierende Leitlinien von Wirtschafts- und Sozialethik zu stellen.

 

Und dennoch gibt es eine große Nähe zwischen diesen Prinzipien und dem deutschen Modell einer Sozialen Marktwirtschaft, wie sie beispielsweise von Walter Eucken und vielen anderen erdacht worden ist. Die Kirche hat in ihrer Soziallehre nie Zweifel an den großen Leistungen von Markt und Wettbewerb formuliert, sie im Gegenteil eher als Vehikel zur Schaffung von Gerechtigkeit und Ausgleich gesehen, somit ihre sozialethischen Dimensionen erkannt. Eben dies ist die Gemeinsamkeit im Leitbild und Ordnungskonzept von Sozialer Marktwirtschaft einerseits und Katholischer Soziallehre andererseits: "Das Soziale soll in der Marktwirtschaft nicht nur ein Anhängsel, sondern integraler Bestandteil sein" (S. 13). Also sollte das Marktgeschehen selbst schon nach entsprechenden Ansprüchen und Regeln geordnet sein. Dies bringen Schallenberg und Küppers wirkungsvoll in Erinnerung. Ebenso deutlich ziehen sie die Grenzen zur Vorstellung einer entfesselten, radikal-liberalen Wettbewerbsordnung. Und genauso wenig lassen sie die Inbesitznahme der Christlichen Soziallehre durch die Befürworter eines überbordenden, immer weiter ausufernden Sozialstaats zu.

 

Fazit: anregend, spritzig, Anstöße gebend - eine lohnende Lektüre.

Markus Kiefer

(Kolumne von Professor Dr. Markus Kiefer vom 15. Juni 2019 auf www.markus-kiefer.eu)

 

Empfehlung

 

Arnd Küppers/Peter Schallenberg, Der Markt und das Soziale. Überlegungen aus der Tradition christlicher Ethik und katholischer Soziallehre = Kirche und Gesellschaft. Herausgegeben von der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle. Bd. 450, J.P. Bachem Medien GmbH, Köln 2018

Erschienen am 15/06/2019 09:50
von Markus Kiefer
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