Sprache als Führungsinstrument

Gespräche können wirkungsvolle Kommunikation darstellen. Wenn Sie richtig geführt werden, dann bringen sie auch Organisationen und Unternehmen voran. Ein aktuelles Buch des Bonner Sprachwissenschaftlers Helmut Ebert liefert Impulse.

Wenn Helmut Ebert ein neues Buch vorlegt, dann darf man als akademischer Leser mindestens zwei Erwartungshaltungen vorhalten. Zum einen wird das eine gedanklich anspruchsvolle Lektüre mit hohem theoretischen Gehalt und zum anderen darf man sich Anwendungsimpulse für die Kommunikationspraxis erwarten. Denn der derzeit an den Universitäten/Hochschulen in Bonn, Bochum und Hall lehrende Professor für Sprachwissenschaft gehört sicher zu der eher kleinen Gruppe der Linguisten, die regelmäßig verwertbares Wissen für die Praxis der Organisations- und Unternehmenskommunikation bereitstellen.

Um es vorweg zu nehmen, Erwartungshaltung 1 wird während der 168 Seiten langen Lektüre durchgehend und vollauf erfüllt, Erwartungshaltung 2 vor allem in den letzten Kapiteln des Buches.

Eines der Kernanliegen des Buches ist es, neue Sprachsensibilität bei den Verantwortlichen in Unternehmen zu wecken. Denn es ist ja spürbar und mit Händen zu greifen. Wir leben offensichtlich in einer Zeitenwende. Viele Anzeichen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft sprechen dafür. Gerade in Unternehmen als gewinn-orientierte Organisatione ist der Veränderungsdruck durch die Herausforderung der Digitalisierung und die vielfach gewünschte stärkere Orientierung an Agilität und Resilienz stark zu spüren. Wie passt dazu eine Kommunikationspraxis, die vielfach noch Kommunikation mit einfacher Information gleichsetzt, besser verwechselt? Und die dazu noch zumeist in den alt gewordenen Schläuchen einer starren Top Down Management-Kultur dargereicht wird? Angesichts nachwachsender Generationen, die eher an informell-lockere Kommunikation, an Kooperation und an Austausch in Teams interessiert ist?

Ebert stellt diese Fragen nachdrücklich und ganz sicher zu Recht. Er will neue Wege eröffnen, mit denen Führungskräfte sich neu und anders für das Phänomen Sprache, für Formulierungen, Begriffsbildungen und eine insgesamt dialogischere Kommunikation öffnen. Diese Notwendigkeit eröffnet sich insbesondere mit Blick auf eine verbesserte Innovationskultur. Dem Autor gelingt die Begründung seiner These und Forderungen überzeugend in den Kapiteln 2 (Sprachlosigkeit der Ökonomie) und 3 (Soziale Innovation und politische Gestaltung). Die Kapitel 4 und 5 bieten Grundlagen zur Sprachtheorie, Kommunikation und Sprachmodelle, die mit der Rezeption aktueller fachwissenschaftlicher Literatur aus BWL und Kommunikationswissenschaft verknüpft wird. Die Kapitel 6 bis 8 fassen den aktuellen Erkenntnisstand zu den Grundpfeilern des menschlichen Kontakts und gelingender Gespräche zusammen. Dafür werden relevante Quellen zur Wahrnehmungsforschung und der Kognitiven Psychologe gebündelt präsentiert. Dabei wird der Leser sowohl daran erinnert, wie Empathie und gutes Zuhören denn in der Gesprächsführung bekanntermaßen funktioniert und zugleich mit einer differenzierten Darbietung moderner Theoretiker wie Humberto Maturana (Konversieren, Emotionalisieren) und Otto Scharmer (Presencing) anspruchsvoll weitergeführt.

Kapitel 9 bis 11 fokussieren nun eine deutlich stärkere Praxisorientierung. Wie kann Sprache die nötigen Transformationspresse in Organisationen und das bessere Teambuilding anschieben? Was macht gute Gesprächs- und Innovationskulturen aus? Und was bedeutet das alles konkret für neue Rollen und neues Verhalten von Führungskräften?

Den deutlich anwendungsstärksten Teil des Buches stellt allerdings erst das Kapitel 12 dar. Denn hier stoßen Praktiker aus dem Kommunikationsmanagement auf eine wahre Fundgrube für ihr Tun. Unter der Kapitelüberschrift "Führungsinstrumente" breitet Helmut Ebert eine Fülle von sehr konkreten Anregungen für die frische Formulierung von Zielen, Oberzwecken, Visionen, Missionen, Leitbildern aus, die kritische Analyse von prominenten und weniger prominenten Fallbeispielen aus der Unternehmenswelt eingeschlossen.  In diesem Kapitel spürt man die langjährige Expertise des Autors besonders deutlich. Denn in diesem Feld entstand schon vor 25 Jahren die Habilitationsschrift Eberts an der Universität Bonn.

Innovativ und anregend geht es mit den beiden Schlusskapiteln weiter. Vielleicht etwas überraschend in einem Buch zur Organisationskommunikation sind die sprachhistorischen Exkurse. Aber wer sich auf die Analyse der großen Theologen Luther, Meister Eckhard und Opitz einlässt, der gewinnt durchaus ein Gespür dafür, wie man Zeitwenden in neue Sprache und neue Formulierungen umsetzt. Und auch das Aufgreifen von Sprach-Impulsen des kreativen Bergsteiger-Genies Reinhold Messner ("Horizont-süchtiger Wanderer") ist für einen aus der Unternehmenswelt kommenden und in BWL-Kategorien denkenden Leser erst einmal ungewöhnlich, aber dann sehr bereichernd.

Unternehmen dürfen nicht stehen bleiben, sie müssen sich immer weiterentwickeln, um Zukunftsfest zu bleiben. Die Managementsprache kann das ebenso fördern wie behindern wie verhindern. Man gewinnt ein zunehmendes Gefühl dafür, was zu tun ist, um eine wirkungsvolle Zukunftssprache in Unternehmen und Organisationen zu formen. Und dieses Urteil gilt nicht nur für die Schlusskapitel, es gilt dem gesamten Buch.

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 15. Dezember 2020 auf www.markus-kiefer.eu)

Empfehlung

Helmut Ebert, Sprache und Dialog als Führungsinstrumente. Wie Gespräche die Organisationsentwicklung der Zukunft sichern, Springer Gabler, Wiesbaden 2020, 168 S., ISBN 978-3-658-16775-2

  

Erschienen am 15/12/2020 08:30
von Markus Kiefer
in der Kategorie : Für Sie gelesen
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