Von ganz oben nach ganz unten - die Erkenntnisse des Thomas Middelhoff

Thomas Middelhoff stand ganz oben, an der Spitze der Weltkonzerne Bertelsmann und Karstadt, er war einer der prominentesten Manager des Landes. Zurück aus dem Gefängnis, begegnet uns nun ein ganz anderer Mann, ein völlig gewandelter Mensch.

Haben Sie kürzlich auch Thomas Middelhoff bei Markus Lanz in der der gleichnamigen ZDF-Talkshow gesehen? Der reumütige Mann, der sein früheres Leben als deutsche Topmanager mit äußerster Selbstkritik reflektierte, dieser Mann, war das wirklich "Big T", wie man den Bertelsmann-Topmanager und späteren Karstadt-CEO in seiner aktiven Zeit nannte? 

Middelhoff ist nach seiner Zeit im Gefängnis, im Status der Privatinsolvenz, nun als gefragter Redner und aktuell auch Buchautor zurück in der Öffentlichkeit. Er präsentiert schonungslos offen seine Abrechnung mit sich selbst. Heraus kommt ein Bild von deutschen Topmanagern, die weit abgehoben von der Wirklichkeit und weit über den Köpfen ihrer Mitarbeiter schweben, in einer ganz eigenen und exklusiven Welt, die großen Wert auf Distanz zu denen unter sich und hinter ihnen legen. In einer Welt, in der Geldgier ebenso dominant ist wie die weitgehende Abwesenheit von moralischen Bedenken offenkundig ist. Dabei zeigt Middelhoff nicht auf andere, sondern auf sich, auf seine Fehler, exemplarisch. Er will, nach eigener Aussage, vor allem junge Unternehmer und Manager vor einer schwierigen Scheinwelt warnen, damit diese nicht später für die gleichen Fehler büßen müssen.

So beeindruckend der Weg zur Selbsterkenntnis des Thomas Middelhoff ist, so sehr man bereit ist, ihm seine Reue und neu gezeigte Demut, ja seine Lebensbeichte als echt abzunehmen, so sehr machen seine aktuellen Aufritte auch nachdenklich. Sie zeigen eine Welt, in der sich weite (?) Teile unseres Spitzenpersonals in Wirtschaft, Unternehmen und Politik mehr oder weinger wohl tatsächlich befinden. Es ist eine Blase, eine Form von künstlicher und abgehobener Existenz, die mit der Lebenswirklichkeit der allermeisten keine Schnittmengen mehr hat. Und die Menschen spüren das sehr wohl. Man muss sich nur die mangelhaften Vertrauenszuschreibungen der Topunternehmer weltweit anschauen, wie sie beispielsweise im Edelman-Trustbarometer alljährlich ausgewiesen werden.

Man fragt sich allerdings auch, ob es wirklich erst eines existentiellen Scheiterns bedarf, um derlei Selbsterkenntnisse freizusetzen, wie Thomas Middelhoff sie derzeit öffentlich macht.

Menschen auf ihrem Weg nach ganz oben sollten eines tun: Mechanismen der kritischen Selbstreflexion regelmäßig einbauen und krititischen Rat von klugen Einflußnehmern immer wieder zulassen - also: sich auf dem Weg nach oben und dann an der Spitze immer wieder einmal selbst in Frage stellen. Der tiefe Fall von Thomas Middelhoff zeigt vor allem dies: Man kann gar nicht früh genug mit einem solchen Weg der Selbsterkenntnis und Selbstbegleitung beginnen. Es gibt ganz offenkundig ein "Zu spät!"

 

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 1. September 2019 auf www.markus-kiefer.eu)

Erschienen am 01/09/2019 08:36
von Markus Kiefer
in der Kategorie : Auf den Punkt