Befremdliche Taurus-Plappereien - militärische Geheimnisse als wohlfeile Talk-Show

Militärische Geheimnisse sollten in Talkshows Tabu sein.

Seit Wochen vergeht praktisch kein Tag, in denen der deutschen Öffentlichkeit nicht haarklein die Vorzüge und Nachteile des Marschflugkörpers "Taurus" erläutert würden - und dessen möglicher Einsatz oder Nicht-Einsatz auf Seiten oder zugunsten der Ukraine. Dabei werden auch völlig öffentlich mögliche Flugreichweiten, geographische Ziele und Einsatzgebiete haarklein vorgestellt. Zuletzt wurde der Bundeskanzler durch öffentlichen Debattendruck geradezu genötigt, seine Argumente für eine Entscheidung gegen Taurus-Lieferungen der Öffentlichkeit mitzuteilen.

Das wirkt auf den nachdenklich-reflektierenden Beobachter der öffentlichen Debatte zunehmend befremdlich. Klar, dem Transparenz-Gebot unserer Zeit kann sich im Prinzip kein bundesweit agierender Politiker komplett entziehen. Aber warum kann er oder sie sich nicht zumindest partiell und bei bestimmten sehr konkreten Themen zurückhalten oder eine Talkshow- oder Fernseh-Interview-Einladung nicht auch einmal entziehen? Die Bemerkung gilt übrigens auch populären Wissenschaftlern und sonstigen Expertinnen und Experten. Die Erwägung des Einsatzes oder der Lieferung von bestimmten Waffensystemen in akuten Konfliktzeiten sind in legitimierten parlamentarischen Gremien oder in Regierungsgremien hinter verschlossenen Türen viel besser aufgehoben als auf Talkshow-Bühnen. In nicht-öffentlicher Erörterung. Denn In Talkshows u.ä. Formaten sind in der Regel nicht-sachkundige Moderatorinnen und Moderatoren tätig, denen es erkennbar gar nicht um Erkenntnisgewinne, sondern um eine spektakuläre öffentliche Kontroverse geht. Der Nachrichtenfaktor "Konflikt" ist ihr Dreh- und Ankerpunkt. Manchmal hat hat man den Eindruck, die Illners, Miosgas, Lanz & Co. weiden sich gerade zu in den Momenten, wo sie Uneinigkeit in ihren Sendungen herausarbeiten, beispielsweise bei unterschiedlichen Standpunkten der Partner in Regierungskoalitionen. Man muss nur das Minenspiel der Moderatorinnen udn Moderatoren in solchen Momenten beobachten. Es ist ist verwunderlich, dass das in einem solchen Ausmaß gerade bei öffentlich-rechtlich finanzierten Fernsehsendern derzeit geschieht. Russland und andere konfliktbereite Player in der Welt brauchen eigentlich gar keine Lauschangriffe, um die Schwachstellen des Westens und vor allem Deutschlands aufzuspüren. Eine normale Beobachtung deutscher Mainstream-Medien ist ausreichend.

Manche meinen, in diesem Land sei das Talent für außenpolitische und verteidigungspolitische und auch zur diplomatischen Exzellenz nie besonders stark ausgeprägt gewesen. Und nicht besonders breit, vor allem wenn man man Großbritannien und Frankreich zum Vergleich heranzieht. Gewiss, frühere Zeiten und Politiker-Jahrgänge standen nicht unter vergleichbarem medialen Druck wie heute. Schlicht und einfach, weil die Medienlandschaften nicht so ausgeprägt warten, es weniger Medienkonkurrenz gab und daher auch nicht den heutigen Zwang, möglichst immer exklusiv sein zu müssen. Erst recht seit dem Etablieren von Social Media und dadurch journalistischen Konkurrenzplattformen, sind Verweigerungshaltungen gegenüber anfragenden Medien und anderen Plattformen schwer und noch schwerer, sie länger durchzuhalten. 

Dennoch scheint es an der Zeit für eine notwendige Neubesinnung. Darauf, dass es militärische Geheimnisse gibt. Und dass es gut ist, dass es Geheimnisse sind. Diese sind der Verantwortung demokratisch gewählter Politikerinnen und Politiker übertragen. Sie gehören nicht auf den öffentlichen Markplatz. In diesem Sinne begründete, öffentlichen Absagen gerade an Talkshows wären ein guter Anfang für einen neuen und sensibleren Umgang mit diesen Themen.  Ein Großteil der Bevölkerung würde das ganz gewiss verstehen und mittragen.

 Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 1. April 2024 auf www.markus-kiefer.eu)

Erschienen am 01/04/2024 08:33
von Markus Kiefer
in der Kategorie : Auf den Punkt
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