Aktionärsversammlungen - nur noch online?

Aktionärsversammlungen im Prinzip nur noch online durchführen, so die Vorstellung von Eon-Chef Teysssen, nach der entsprechenden Premiere des Essener Energiekonzerns mitten in der Corona-Krise.

Die Essener Grugahalle und eine Zusammenkunft mit mehreren Tausend Aktionären war gestern. Die zukünftigen Jahreshauptversammlungen großer Konzerne nur noch mit wenigen Managern auf der Bühne, ohne Publikum und das ab in den Livestream. So die Vorstellung von Eon-CEO Johannes Teyssen. Und der Kopf des Essener Energiekonzerns ist nicht der einzige Vorstand, der hierin die Zukunft sieht. Was in Corona-Zeiten aus der Not geboren wurde, könnte morgen eine Dauerlösung der Investor Relations werden.

Die Verlockung ist groß. Sechsstellige Summen könnten eingespart werden, die die die Organisation und Durchführung eines solchen Großevents kostet. Viel Nerven, Manpower und Vorbereitungszeit auch. Am größten ist allerdings sicher die Verheißung der stärkeren Kommunikationskontrolle. Zwar sind Wortmeldungen der Aktionäre weiterhin auch digital möglich. Schaut man auf die Praxis der Unternehmen, die schon so agieren, sieht man: diese Wortmeldungen müssen aber vorab angemeldet werden. Und ihnen fehlt natürlich die emotionale Durchschlagskraft, die ein relativ spontaner Beitrag eines redegewandten Aktionärs in einer vollen Halle auslösen kann. Kapitalmarktkommunikation sind ja nicht nur Hard Facts. Es sind auch Stimmungen, sind Emotionen. Und diese entstehen auch in großen Versammlungsräumen. Natürlich gibt es auch gerade unter Kleinaktionären manche Selbstdarsteller, die die Bühne für sich ausnützen. Aber es gibt auch viele andere mit berechtigten Interessen und ernsthaften Sorgen, die sich in einer großen Versammlung melden. Die dann sehen, welche Stimmungen sie auslösen und wie ihre Topmanager dann vorn agieren und kommunizieren. Und das Gespräch in den Gängen, in der Lobby, beim Mittagessen, der Austausch mit den anderen Aktionären, das Erfühlen ihrer Stimmungen, Emotionen, Überzeugungen oder auch Unsicherheiten - all das ist Salz in der Suppe solcher Aktionärstreffen.

Persönliche Kommunikation, das physische Zusammentreffen der an der Kommunikation Beteiligten, ist in der Regel der reichste Kommunikationskanal. Und das Zusammentreffen der Aktionäre einmal im Jahr und die Herausforderung an die persönlichen Kommunikationsqualitäten des Topmanagements, ist gerade aus Sicht von Kleinanlegern die Königsdisziplin der Finanzkommunikation. Es ist eine Option, die Aktionären Machtpotentiale der Kommunikation an die Hand gibt. Potentiale, die im Rahmen einer Videokonferenz bei weitem nicht so wirken können wie in einer Präsenzveranstaltung mit zahlreichen Teilnehmern. Diese Option jetzt flächendeckend und zügig abzuräumen, könnte als fatales Signal ankommen.

Bei aller Wertschätzung dessen, was die Digitalisierung gerade in Corona-Zeiten möglich gemacht hat, sollten die Konzerne die Weiche nicht allzu sorglos in Richtung eines komplett anderen Kommunikationskanals umstellen. Zumal dann ein späterer Weg zurück auf das hergebrachte Format mehr als schwierig würde.

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 1. Juli 2020 auf www.markus-kiefer.eu)

 

Erschienen am 01/07/2020 08:07
von Markus Kiefer
in der Kategorie : Auf den Punkt
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