Brauchen wir die Torhüter noch? - Neues zur Gatekeeper-Theorie

Das Gatekeeper-Konzept ist ein klassischer Forschungs-Ansatz der Medien- und Kommunikationswissenschaft. Die Gatekeeper-Funktion wurde bislang beim Journalisten gesehen, in etablierten Medieninstitutionen. Hat dieser Ansatz, vor dem Hintergrund des dynamischen Internet, überhaupt noch seine Berechtigung?

Das Gatekeeper-Konzept ist ein durchaus fast schon klassisches Forschungsfeld der Medien- und Kommunikationswissenschaft. In den traditionellen Modellen stand vor allem der einzelne Journalist im Mittelpunkt. Aber auch schon in den ersten prominent gewordenen Forschungsarbeiten des vergangenen Jahrhunderts (White) ging es dabei nicht nur um die persönlichen Einstellungen des einzelnen Handelnden. Die Vorstellung, seine persönlichen Präferenzen allein entschieden darüber, welche Inhalte das Tor erst der Informationsbearbeitung und dann des anschließenden öffentlichen Verbreitens von Nachrichten passieren würden -, diese simple Wahrnehmung war schon immer naiv und nie der Ansatz wissenschaftlicher Forscher. Auch in den frühen Forscher-Arbeiten  wurden institutionelle Rahmenbedingungen, Routinen in Redaktionen, Einflüsse von Akteuren im Außenfeld von Medien, gesellschaftliche und Publikumseinflüsse mit einbezogen und untersucht.

Diese Forschungstraditionen herauszuarbeiten, ist das erste Anliegen von Ines Engelmann in ihrem hier anzuzeigenden Lehrbuch. Sie präsentiert in dem 126 Seiten schmalen Paperback zunächst die klassischen Forschungskonzepte und im Anschluss daran moderne Weiterentwicklungen, die durch die Entwicklung des dynamischen Internets unserer Tage bedingt sind. Die zentrale Forschungs-Frage ist unverändert geblieben: "Warum wird über bestimmte Medieninhalte berichtet, über andere dagegen nicht, und wie wird im Einzelnen darüber berichtet?" (S. 11)

In den ersten vier Kapiteln widmet sich die promovierte Kommunikationswissenschaftlerin, derzeit Professorin an der Universität Jena mit Schwerpunkt Empirische Methoden, dem traditionellen Gatekeeping-Ansatz. Er befasst sich primär mit den Selektions-, Gewichtungs- und Präsentationsentscheidungen in klassischen Redaktionen und Medien. Wie wird hier ausgewählt, nach welchen Kriterien? Wie werden die wichtigsten Nachrichten identifiziert, wie entsteht eine Rangfolge von Nachrichten? Inwiefern zeigt die Art der Nachrichtenpräsentation (Bilder, Überschriften, nur Texte etc.) den unterschiedlichen Wert von Nachrichten fürs Publikum an?

In der Forschungstradition hebt Engelmann besonders drei Konzepte hervor und stellt diese nuanciert dar, verdienstvollerweise jeweils mit einem zusammenfassenden Schaubild visualisiert. Das ist zuvorderst das "Hierarchy-of-Influences-Modell" von Pamela J. Schoemaker, mit den Feldern Social Systems, Social Institutions, Media Organisations, Routine Practices, Individuals. Dieser ganzheitliche Ansatz ist nach Engelmann besonders geeignet, das Zusammenwirken der verschiedenen Einfluss-Faktoren auf das Öffentlich-Machen von Nachrichten aufzuzeigen. Verwandt sind die ebenfalls kompakt dargestellten Modelle der "Weischenberg-Zwiebel" mit einem systemtheoretischen Ansatz und das "4-Sphären-Modell" von Donsbach. Beide gehen von einem ähnlichen Ansatz aus, beziehen sowohl individuelle Faktoren in/aus der Person des die eingehende Information  bearbeitenden Journalisten (Ausbildung, Wert-Präferenzen, politische Einstellungen, Rollen-Verständnis) ebenso ein wie äußere Einflüsse  (Verfassungen, Regierungen, Gesetze, geltende Normen) und innere Strukturen in Medienunternehmen und Medienorganisationen (Prozesse, Arbeitsabläufe, Hierarchien, Entscheidungswege u.a.). 

Diese modernen Gatekeeper-Konzepte aber auch relevante ältere Forschungsansätze wie bspw. von Kurt Lewin und David Manning White, aus den 40-er und 50-er Jahren des letzten Jahrhunderts, werden gleichermaßen kompakt wie angemessen detailliert vorgestellt. 

Das Buch ist als Bd. 16 der Lehrbuch-Reihe "Konzepte" konzipiert, herausgegeben von den Medien- und Kommunikationswissenschaftlern Professor Dr. Patrick Rössler (Erfurt) und Hans-Bernd Brosius (München). In dieser Reihe werden Theorien mittlerer Reichweite in kompakter Form vorgestellt. Engelmann folgt dem hier üblichen bewährten Aufbau, wenn sie die jeweilige Forschungslogik, die Methoden-Designs und die wichtigsten empirischen Ergebnisse der bisherigen Forschung ausführlich beleuchtet, abgerundet durch die Kapitel über benachbarte Konzepte (Nachrichten-Wert-Theorie, News Bias und Agenda Setting), sowie das sehr gelungene Kapitel über die Top 10 der Forschungsliteratur, eine meisterhaft kommentierte Bibliographie im Kurzformat. Ein ausführliches, in diesem Fall 15-seitiges Literaturverzeichnis erwartet man als regelmäßiger Leser der "Konzepte"-Reihe sowieso.

Wer dieses Buch mit  der Lektüre der ebenfalls schon erschienenen Bände über Agenda Setting und Nachrichtenwerte - bzw. -Faktoren verbindet, der wird mit einem reichen und tiefen Verständnis über die Auswahl- und Bearbeitungspraxis alter und neuer Medien bereichert.  In Zeiten, in denen diverse Verschwörungstheorien über das Unterdrücken von Nachrichten in der Medienwelt globale Konjunktur erfahren, sind das erhebliche Verdienste, die mit diesem aber auch den anderen Bänden der "Konzepte"-Reihe regelmäßig geliefert werden.

In einem Punkt geht Engelmann aber über die Arbeiten vieler anderer "Konzepte"-Lehrbücher erkennbar hinaus. Es ist das Kapitel 5, das unter der Überschrift "Weiterentwicklungen" alle Faktoren diskutiert, die das moderne Internet gebracht hat. Dieses hat ja die Exklusivität der journalistischen Gatekeeper-Tätigkeit pulverisiert. Es hat neue Gatekeeper ins Spiel gebracht, dem klassischen Journalisten nicht unähnlich, und doch anders arbeitend, zum Beispiel Blogger. Es hat aber auch die kommunikative Machtposition des einzelnen Medienkonsumenten verändert, der jetzt zum Gatekeeper für andere wird, zum Beispiel seine Follower. Es hat mächtige technische Gatekeeper ins Spiel gebracht, wie Google und Facebook, deren Algorithmen die Gatekeeper-Funktion mit neuem Leben füllen. Es hat den Wandel der journalistischen Rolle als Gatekeeper zum Gatewatcher gebracht, der nunmehr die Qualität und Seriosität der neuen Gatekeeper für sein Publikum bewertet. Das alles ist vom Informationsgehalt und dem Niveau der gedanklichen Reflexion Engelmanns sehr wertvoll, äußerst anregend, von hoher Aktualität.

Eine Anregung für eine demnächst sicher anstehende, aktualisierte Neuauflage sei abschließend gegeben. Engelmann bleibt ganz im Rahmen der Wirklichkeit von freien Mediensystemen. Diese sind aber bekanntlich im Weltmaßstab (leider!) in der Minderheit. Mehrheitlich operieren autoritäre Mediensysteme. Bei allem Anerkennen, dass es sich hier um Theorie-Lehrbücher handelt, so wäre es doch sehr wünschenswert, diesen Teil der Wirklichkeit mit in den Blick zu nehmen. Denn hier sind noch ganz traditionelle Gatekeeper am Werk, die ihrem Publikum wahrlich nur einen sehr begrenzten Ausschnitt der Welt zum Einblick geben. Dies verdient einen genaueren Blick, gerade auch unter den Aspekten von Gatekeeping, Agenda Setting und Nachrichtenfaktoren.

 

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 15. Januar 2020 auf www.markus-kiefer.eu)

Lektüre

Ines Engelmann, Gatekeeping = Konzepte. Ansätze der Medien- und Kommunikationswissenschaft. Bd. 16, NOMOS, Baden-Baden 2016, 

 

Erschienen am 15/01/2020 08:22
von Markus Kiefer
in der Kategorie : Für Sie gelesen