Corona-Kommunikation der Kanzlerin - was ist wirkungsvoller: ihr Rechenexempel oder ihre Emotionalität im Bundestag

Die Disziplin in Teilen der Bevölkerung lässt nach, die Infektionszahlen steigen signifikant. Die Kanzlerin stemmt sich vehement gegen diese Entwicklung. Aber, sie hat binnen drei Tagen zwei ganz unterschiedliche Ansätze gewählt, um die Bevölkerung wachzurütteln. Welcher ist der wirkungsvollere?

Die Disziplin in Teilen der Bevölkerung lässt nach, die Infektionszahlen steigen signifikant. Die Kanzlerin stemmt sich vehement gegen diese Entwicklung. Das ist gut so. Aber, sie hat binnen drei Tagen zwei ganz unterschiedliche Ansätze gewählt, um die Bevölkerung wachzurütteln. Welcher ist der wirkungsvollere?

Anfangs der Woche sickerte in der Öffentlichkeit durch, Merkel habe im CDU-Präsidium ein Rechenexempel vorgelegt, wonach, bei ungebremster Entwicklung, an Weihnachten über 19.000 Neuinfektionen pro Tag (!) in Deutschland gegeben wären. Das Raunen war beachtlich. Die Kanzlerin erläuterte ihre Rechnung in der Bundespressekonferenz. Ihre ganz nüchterne Argumentation war beeindruckend. Aber aus ihrem knapp drei Minuten langen Statement berichteten die meisten Medien jedoch eben nicht ihre bestechende Argumentationskette, sondern nur das Ergebnis, nur die Zahl. Über 19.000 Infektionen, jeden Tag, ausgerechnet zur Weihnachtszeit, an den Feiertagen. Natürlich war das und ist dies hoch geeignet, um Angst zu wecken. Genau diesen Vorwurf der Angstmache oder Vorhalt erhoben viele. Beispielsweise Markus Lanz in seiner gleichnamigen Talkshow und der Debatte mit dem Virologen Professor Dr. Jonas Schmidt-Chanasit.

Vermutlich war Angstmache aber gar nicht das Motiv der Kanzlerin. Denn auch in der Bundesregierung kennt man bestimmt die Erkenntnisse der kognitiven Psychologie, dass Angst-Kampagnen zumeist keine Verhaltensänderung der Betroffenen befördern. Im Gegenteil, sie sorgen oft für ein Verfestigen, den Beibehalt der hier angesprochenen Verhaltensweisen. Die Anti-Rauch-Plakat-Kampagnen der Bundesgesundheits-Behörden, mit ihrer oft krassen Ansprache der Todesfolgen bei sehr starkem Rauchen, verhallten bei den direkt Betroffenen fast wirkungslos. 

Wenn also die Medien aus der logischen Argumentation der Kanzlerin im Wesentlichen nur die erschreckende und abschreckende Zahl zitieren, dann könnte der Effekt gerade bei denen, die derzeit die Vorsichts-Regeln lässig handhaben, zu ganz ähnlicher Ignoranz führen.

Vermutlich nicht nur, aber auch deshalb, hat Angela Merkel nur zwei Tage später eine ganz andere Kommunikationsstrategie gewählt. Sie nutzte die sogenannten Generaldebatte im Rahmen der Beratungen über den kommenden Bundeshaushalt, um ihre Sorge über die sich entwickelnde zweite Infektionswelle am Anfang und am Ende ihrer Rede zum zentralen Thema zu machen. Und ihr gelang, was ihr in der Vergangenheit eher selten attestiert wurde, nämlich eine packende, emotionale und direkte Ansprache der Bevölkerung, ohne jeden Anflug von Überdramatik, Panik- oder Angstmache, dafür aber mit bewundernswerter Klarheit und einem wirkungsvollen Abschluss-Appell an alle Deutschen. Es lohnt, diese letzten fünf Minuten der 40-minütigen Bundestagsrede im vollen Umfang zu sehen und zu hören (Minute 35 bis 40 im Video - https://www.bundeskanzlerin.de/bkin-de/mediathek/videos/kanzlerin-generaldebatte-1792386!mediathek (Abruf am 1. Oktober 2020)

Gerade weil der emotionale Appell nicht der Alltags-Rhetorik-Modus der Langzeit-Regierungschefin ist, könnte diese Rede vom 30. September zu einem ihrer wichtigsten und wirkungsvollsten Beiträge zur Corona-Krisenkommunikation werden.

Vielleicht noch eine abschließende Idee zur nächsten Hochrechnung künftiger Corona-Infektionen. Wie wäre es, wenn das Beratungsteam der Bundeskanzlerin für das nächste Statement eine Gegenrechnung aufmacht. Was müsste eigentlich konkret passieren, welche der Teile der Bevölkerung müssten was genau tun und in ihrem Alltag einhalten und unterlassen, damit wir alle dem Ziel erst unter 1.000 Neuinfektionen pro Tag, dann unter 500, dann und 300 Neuinfektionen und dann noch weiter herunter kommen? Und somit den Verhaltensappell auf ein lohnendes (End-) Ziel ausrichtet, eine dramatisch sinkende Zahl. Also einen Zeitplan für einen umgekehrten positiven Prozess aufstellt und dann im Aufruf die gesamte Bevölkerung auf dieses Ziel einschwört und mit der positiven Vision aktiviert. Dies könnte ein ihre Kanzlerschaft abschließendes "Wir schaffen das!" sein, hinter dem sich weitaus mehr versammeln würden als bei der Erstverwendung des Motivs. Ein äußerst anspruchsvolles, aber lohnendes Projekt der staatlichen Organisationskommunikation. Ein Versuch wäre es wert! 

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 1. Oktober 2020 auf www.markus-kiefer.eu)

Erschienen am 01/10/2020 18:44
von Markus Kiefer
in der Kategorie : Auf den Punkt
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