Globale Kommunikations-Kompetenz
Rita Rizk-Antonious diskutiert den Erwerb interkultureller Kommunikations-Kompetenzen. Der Beitrag erschien in einem wissenschaftlichen Handbuch, das den Themenkreis "Globale Kompetenz" interdisziplinär bearbeitet.
Artikel, die für eine Publikation in wissenschaftlichen Handbüchern vorgesehen sind, haben oft eine Zeitschleife bis zu zwei Jahren, von der Abgabe der Endfassung bis zum Erst-Erscheinungstag. Da können sich die Rahmenbedingungen schon einmal ändern. Der hier anzuzeigende Beitrag von Rita Rizk-Antonious, dessen Thema die gekonnte Kommunikation im interkulturellen Kontext ist, nennt in der Einleitung u.a. die Globalisierung. Verständlich, zum Zeitpunkt der Abfassung des Textes. Tatsächlich erleben wir jedoch heute eher deutliche Tendenzen der De-Globalisierung, im politischen wie im ökonomischen Kontext. Binnen zwei Jahren haben sich viele Zeichen auf der Weltbühne umgekehrt. Internationale Bündnisse werden geschwächt, teilweise sogar gesprengt. Märkte und Handelsströme werden völlig neu sortiert. Zollpolitik erreichtet zieht neue Barrikaden hoch. Viele Bündnisse werden eher zwischenstaatlich neu geschlossen als auf größere Verbände zu setzen. Langjährig treue Verbündete werden sich zunehmend kulturell fremd. Beispiel: Das im Dezember veröffentliche Strategiekonzept der US-Regierung benennt in deutlichen Worten eine zunehmende kulturelle Entfremdung von den Europäern und vielfach unterschiedlich gelebte Werte.
Bedeutet das etwa, der hier vorzustellende Text hat sich schon überholt? Im Gegenteil. Je mehr sich Völker und Kulturen fremd werden, desto wertvoller sind Beiträge, die das Verständnis des jeweils anderen anstreben. Und dafür ist diese Autorin prädestiniert. Beruflicher Hintergrund: erfahrene Flugbegleiterin einer weltweit führenden Fluggesellschaft (Lufthansa), seit Jahren ständig bei Interkontinentalflügen im Einsatz. Nebenbei ausgewiesene Autorin mit Fachpublikationen für den Wissenschaftsverlag Springer. Ihr aktueller Beitrag ist im interdisziplinär angelegten Handbuch "Globale Kompetenz" erschienen, herausgegeben von der einschlägigen Kulturforscherin und Psychologin Professor Dr. Petia Genkova, publiziert im Herbst 2024.
Rizk-Antonious bearbeitet kommunikative Aspekte des Thema Globale Kompetenz, aus einer Perspektive der Geschäftswelt. Der Aufsatz ist in vier Abschnitte gegliedert: Grundlagen interkulturellen Erfolgs - Blick auf einzelne Faktoren erfolgreicher interkultureller Arbeit - Förderung interkultureller Verhaltenskompetenz - Schlussfolgerungen.
Im ersten Abschnitt werden Begriffe geklärt. Besonders interessant sind die Bestimmungen von "Globaler Kompetenz" und "Interkultureller Kompetenz". Globale Kompetenz wird verstanden als soziale Kompetenz, bei der Menschen verschiedenster Lebensarten und Weltanschauungen achtungsvoll miteinander umgehen, mit dem übergeordneten Ziel, globale Herausforderungen gemeinsam zu meistern" (S. 3). Interkulturelle Kompetenz wird ausgelegt als die "Fähigkeit, mit Menschen anderer Kulturen eine konstruktive Verbindung einzugehen" (ebd.). Was natürlich weit mehr verlangt als bloß adäquate Fremdsprachenkenntnisse, so essentiell diese als Grundlage allen Miteinander auch zweifellos sind. Aber "interkulturelle Kommunikation" ist dann eben weit mehr als das aktive und passive Beherrschen von Fremdsprachen. Dabei geht es um die gekonnte verbale und nonverbale Interaktion zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturkreise auf einer internationalen Bühne.
Um dies einigermaßen hinzubekommen, bedarf es einiger Schlüsselkompetenzen, denen sich die Autorin im zweiten Abschnitt widmet. Explizit geht es um diese Kompetenzen: "eine unvoreingenommene, offene Haltung, eine positive und respektvolle Einstellung gegenüber anderen Kulturen, die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel, Einfühlungsvermögen, Toleranz sowie Lernbereitschaft und -fähigkeit" (S. 7). Grundlage von allem dem sind zumindest Grundkenntnisse aus der vergleichenden Kulturforschung. Im zweiten Kapitel werden diese aufgriffen. Rizk-Antonious reflektiert die Besonderheiten, Vor- und Nachteile eines direkten (Deutschland) oder indirekten Sprachstils (Asien). Sie stellt das unterschiedliche Zeitverständnis in verschiedenen Kulturräumen dar. Viele Lateinamerikaner beispielsweise pflegen ein polychrones, was bedeutet, sie verfolgen mehrere Aufgaben gleichzeitig, sind dabei kreativ, spontan und auch schon einmal (nach-)lässig. Die Autorin unterscheidet weiterhin zwischen primär sachorientierten Kulturen (deutschsprachiger Raum) und viel stärker beziehungsorientierten Kulturen wie beispielsweise im arabischen Raum. Sie zeigt die förderlichen Effekte eher individualistischer Kulturen (USA, Kanada, Australien) im Unterschied zu stark kollektivistischen Kulturräumen. In diesem Zusammenhang arbeitet sie das stark unterschiedliche Hierarchieverständnis heraus. Sehr stark in Asien, gegenteilig und sehr flach denkend: Skandinavien und Niederlande. Weitere spannende Faktoren mit starker Prägekraft folgen, z.B. Scham- und Schuldkultur mit sehr ausgeprägten Unterschieden in der mehr oder weniger demonstrativen Übernahme von Verantwortung nach Fehlleistungen oder ihrem eher gegenteiligen (Ver-) Schweigen. Und noch ein halbes Dutzend weiterer Faktoren folgen, hier aus Platzgründen nicht weiter dargestellt. Dies alles wird sehr spannend, anregend und in gebotener Kürze ausgerollt. Und macht dem Leser vielleicht noch Lust auf tiefergehende Reflexion und weitere Fallbeispiele. Was Rita Rizk-Antonious mit einem früheren Buch (Navi durch andere Kulturen, erschienen 2019) ja bereits zuvor in aller Tiefe und Ausführlichkeit geleistet hat.
Abschnitt 3 diskutiert verschiedene Möglichkeiten des interkulturellen Lernens und im vierten Abschnitt (Fazit) hebt die Verfasserin noch einmal darauf ab, welche bereichernde Möglichkeiten der Menschheit gegeben sind, wenn begabte Menschen aus verschiedenen Kulturen miteinander zusammenzuarbeiten. Gerade weil derzeit die Zeichen der Weltläufe anders aussehen, brauchen wir die hier ausgebreitete Perspektive dringender denn je als Impuls zum Nachdenken. In besonderer Weise steht dafür das anregende Bild der "interkulturellen Brücke", welches die Autorin auf den Seiten 6 ff. eindrucksvoll zeichnet. A und B bewegen sich von beiden Enden, mit ihren unterschiedlichen Gaben und Verständnissen, aufeinander zu, um positive, innovative Synergien zu erzeugen. Dabei müssen sie sich noch nicht einmal in der genauen Mitte begegnen. Der Fortschritt beginnt schon in der Bewegung aufeinander zu.
Markus Kiefer
(Kolumne von Markus Kiefer vom 15. Februar 2026 auf www.markus-kiefer.eu)
Empfehlung
Rita Rizk-Antonious, Globale Kompetenz aus der Perspektive der beruflichen Praxis, in: Petia Genova (Hg.), Handbuch Globale Kompetenz. Grundlagen - Herausforderungen - Krisen, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2024, S. 47 - 68
Der Beitrag ist auch als einzelnes (digitales) Produkt bestellbar:
https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-30555-0_5
DOI für das gesamte Handbuch Globale Kompetenz:
https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-30555-0
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