Großprojekt
Viele große Infrastrukturprojekte in Deutschland stoßen auf frühen, erheblichen Stakeholder-Widerstand. "Südlink" macht derzeit vor, wie es besser geht.
Warum misslingen in Deutschland so viele, vor allem große Infrastrukturprojekte in ihrer Außenkommunikation? Und was wären im Vergleich denn notwendige Basiselemente einer Projektkommunikation, die relevante Stakeholder zufrieden stellen könntet?
Hierzu eignet ein Vergleich im Zeitabstand. 15 Jahre ist es nun her, dass das Großprojekt "Stuttgart 21 - derzeit wegen erneuter Verschiebung der Bahnhofseröffnung im öffentlichen Gespräch - fast am Widerstand der Bevölkerung gescheitert wäre. Dagegen steht das heute nahezu geräuschlos durchgezogene Projekt "Südlink", jener 700 Kilometer langen Trasse, die Windstrom aus dem Norden in den Süden und umgekehrt Solarstrom aus dem Süden in den Norden transportieren soll.
In der vergleichenden Betrachtung der Kommunikationsstrategien von "Stuttgart21" und "Südlink" zeigt sich deutlich, warum das zuletzt genannte Großprojekt bislang in seiner noch anhaltenden Startphase deutlich erfolgreicher läuft.
"Südlink" setzt beispielsweise mit seinen etwa 40 sogenannten "Bodendialogen" ein starkes Zeichen für echte Dialogbereitschaft. Diese Fachgespräche finden lokal und regional mit betroffenen Landwirten sowie hinzugezogenen Fachleuten statt. Hier werden konkrete Anliegen, Bedenken und Fachfragen direkt vor Ort ernst genommen, aufgenommen und in die Projektplanung integriert. Die Landwirte werden gehört, wenn sie über lokale Besonderheiten sprechen und die hinzugezogenen Fachleute können umgekehrt frühzeitig-detailreich ihr Vorgehen beim Kabelverlegen darlegen. Dabei werden die unterschiedlichen Beschaffenheiten in den sechs beteiligten Bundesländern besonders berücksichtigt. Diese differenzierte, dialogorientierte Vorgehensweise, steht im starken Gegensatz zu "Stuttgart21", wo speziell in der Anfangszeit der Bevölkerung kaum wirkliche Mitsprachemöglichkeiten gegeben wurden. Dagegen fördert der "Südlink"-Projektfokus auf vielfache persönliche Gespräche im lokalen Raum auf Augenhöhe grundlegendes Vertrauen und baut früh Konflikte ab.
Neben dem Dialog punktet "Südlink" auch durch eine umfassende Transparenz. Informationen zu Planungsschritten, Herausforderungen und Zwischenergebnissen werden sowohl über digitale Plattformen - was bei "Stuttgart 21" anfangs komplett fehlte - als auch in den "Bodendialogen" offen und vor allem nicht nur einmalig, sondern kontinuierlich kommuniziert. Diese transparente Kommunikation war bislang ein entscheidender Faktor, der zu einer äußerst hohen Einigungsquote mit den betroffenen Landbesitzern führte. Dies wiederum ermöglichte es, zeitraubende und kostenintensive Rechtsstreitigkeiten deutlich zu reduzieren. "Stuttgart21" hingegen litt an einem Mangel an Transparenz, was zu Misstrauen, Protesten und vielfachen rechtlichen Einsprüchen führte.
Schließlich ist die gesellschaftliche Einbindung ein wichtiger Erfolgsfaktor bei "Südlink". Das Projekt wird als gemeinschaftliches Vorhaben für die Energiewende dargestellt. Mit Infozentren vor Ort, vielen Tagen der "Offenen Tür", Baustellen-Begehungen, kontinuierlichen Fachgesprächen und Kooperationen mit Landwirtschaftsverbänden und weiteren Interessenvertretern gelingt es, eine beachtlich breite gesellschaftliche Akzeptanz zu sichern. Diese professionelle und partizipative Kommunikationsarbeit wurde sogar schon mit einem internationalen PR-Preis gewürdigt. "Stuttgart21" konnte diese gesellschaftliche Rückendeckung hingegen nicht in gleichem Maße erreichen, vor allem nicht in der Anfangsphase des Projekts. Besser wurde es erst mit der Einschaltung des prominenten unabhängigen Moderators Heiner Geißler.
Zusammengefasst: Die "Bodendialoge" als Ausdruck ernst gemeinter Dialogorientierung, die hohe Transparenz in der Kommunikation und die intensive gesellschaftliche Einbindung führen dazu, dass das "Südlink"-Projekt heute schon fast als Best-Practice-Beispiel für erfolgreiche Kommunikation von Infrastrukturprojekten betrachtet werden darf. "Stuttgart21" steht hingegen für Kommunikationsfehler und verpasste Chancen, die erheblich zur Eskalation und Unzufriedenheit beigetragen haben.
Diese drei Aspekte - Dialog, Transparenz und gesellschaftliche Einbindung - sind somit vor allem die zentralen Erfolgsfaktoren, die "Südlink" in der Projektkommunikation vom ursprünglichen Kommunikations-Desaster "Stuttgart21" unterscheiden.
Markus Kiefer
(Kolumne von Markus Kiefer vom 1. Dezember 2025 auf www.markus-kiefer.eu)
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