Interne Kommunikation - eine vornehme Führungsaufgabe

Andrea Montua legt nur vier Jahre nach dem Ersterscheinen, eine völlige Neubearbeitung ihres Grundlagenbuchs über Interne Kommunikation vor.

Vier bis fünf Jahre können, je nach wissenschaftlichem Feld, eine lange Zeit sein. Und in Bezug auf Themen mit Kommunikationsbezug gilt das wohl allemal. Gut zu erkennen bei dieser Monographie über Interne Kommunikation. Andrea Montua legte sie in 2024, vier Jahre nach ihrem Ersterscheinen, erneut vor. Und zwar völlig überarbeitet, mit zum Teil ganz neuen Kapiteln. Zwischen beiden Erscheinungsterminen lag ja u.a. eine weltweite Pandemie. Sie und manch anderer Gegenwartstrend haben die Weichen der Organisationskommunikation neu, zum Teil völlig neuartig gestellt. Deswegen lohnt ein Blick auf die aktualisierte Auflage. Nicht nur aber auch mit Blick auf die neu eingeschobenen Kapitel. Schauen wir zuerst auf die letztgenannten.

Drei der insgesamt zehn Buchkapitel sind komplett neu eingefügt. Beispielsweise gilt ein ganzes Kapitel nun der Frage, wie eigentlich eine eigene Fachabteilung für Interne Kommunikation in Unternehmen und Organisationen Schritt für Schritt aufgebaut werden kann. Diese Überlegungen sind alles andere als trivial. Denn Spezialisten für die Mitarbeiterkommunikation gibt es in der Regel lediglich auf Konzernebene oder bei sehr großen Mittelständlern mit Tausenden von Arbeitsplätzen. Jedoch macht sich heute in vielen Betrieben, die noch unter den Brüchen der Corona-Zeit stöhnen oder die jetzt zum Teil wieder Roll-Backs aus dem vor kurzem viel gepriesenen, ach so modernen (digitalen) Homeoffice-Standard vornehmen, doch das Gefühl breit, der Unternehmenskultur und den Prozessen der internen Kommunikation ein eigenständiges Gesicht geben zu müssen - über die Funktionen und über die Arbeit der Personaler hinaus. Für solche Unternehmen bieten die hier ausgerollten prozessualen Überlegungen, die Ideen für die Zusammensetzung von Teams und deren nötigen Skills, zur Budgetierung und nicht zuletzt die klare Empfehlung, Newsroom-Strukturen zu etablieren, sehr konkrete Anregungen zu ersten Schritten. Im Newsroom-Konzept werden alle Kommunikationsprozesse einer Organisation aus einer zentralisierten Instanz heraus koordiniert. Insbesondere anregend sind hier die Vorschläge für einen "Newsroom light", die den Ressourcen kleiner Unternehmen gerecht werden.

Ganz neu ist weiterhin das Kapitel über Megatrends mitsamt deren Auswirkungen auf die Interne Kommunikation. Hier hat die Autorin aus der Liste der vom "Zukunftsinstituts" ausgewählten Megatrends sechs ausgewählt, die von besonderer Relevanz für ihr Buchthema sind. Überzeugend ist, dass diese Trends nicht nur beschrieben werden. Es bleibt eben nicht, wie vielfach andernorts, bei einer reinen soziologischen Analyse. Sondern die erfahrene, erfolgreiche Praktikerin und gefragte Beraterin beschreibt zugleich die nötigen kommunikativen Antworten. Ein Trend wie "Konnektivität" beispielsweise, der die "Always on"- und "Immer erreichbar"-Erwartung beschreibt, bedarf als Gegentrend einer Kultur der Achtsamkeit. Der Megatrend "Individualisierung" bedarf als Antwort der Internen Kommunikation des Aufbaus und der Kultivierung eines "Wir-Gefühls". Und so geht dies hoch anregend weiter. Andrea Montua beweist einmal mehr, dass sie hier weit über den Tellerrand der Spezial-Domäne ihrer Agentur (Interne Kommunikation insbesondere in Veränderungsprozessen) hinauszublicken vermag. Hörer ihres regelmäßigen Podcasts "Auf einen Tee" wissen um die angenehme interdisziplinäre Neugier der einschlägigen Expertin für Mitarbeiterkommunikation, Transformationskommunikation, Nachhaltigkeitskommunikation und Kulturwandel.

Und das dritte komplett neue Kapitel trägt der wachsenden Debatte um Diversity Rechnung. Es nimmt die Auswirkungen auf und die Herausforderungen für die Interne Kommunikation auf. Es weckt Sensibilitäten für Geschlechtergerechtigkeit und Inklusion, bis hinein in sprachliche Routinen, wirbt für die Vorteile von Mixed Teams in Arbeitsprozessen. Wie schnelllebig allerdings der internationale gesellschaftliche Wandel heute ist, zeigt sich jedoch gerade an diesem Kapitel. Würde das hier für den deutschen Sprachraum so eindeutig Eingeforderte ebenso in einem Buch für amerikanische Unternehmen in den USA publiziert werden können? In dieser Eindeutigkeit wohl kaum, wenn man nur auf die Rücknahme von Diversityprogrammen guckt, was gerade in Übersee zur Zeit in rasender Geschwindigkeit von großen Konzernen geleistet wird -, unter dem Druck entsprechender regulatorischer Vorgaben der Trump-Regierung und den dahinterstehenden MAGA-Weltanschauungen. Diese mögen einem nicht passen. Und dennoch muss die professionelle Interne Kommunikation auf solche sich drastisch ändernden Rahmenbedingungen ebenfalls überzeugende Antworten geben. So schwierig dies ist. Die Debatte hierüber beginnt ja gerade erst.

Die übrigen Kapitel des Buches waren bereits in der Erstauflage vorhanden, sind jedoch zum Teil noch deutlich ausgebaut und erweitert. So sind beispielsweise die Rahmenbedingungen der VUCA-Welt und die Prinzipien von "New Work" sehr viel breiter ausgerollt. Im Kapitel zur digitalen Kommunikation werden erstmals die Optionen durch KI reflektiert. Das Evaluations-Kapitel bringt neue Methoden zur Sprache, wie z.B. den OKR-Ansatz (Objective Key Results), kurze Pulse-Checks zur Ermittlung der Stimmung in Belegschaften. Das Kapitel über Führungskräfte geht viel stärker auf eine Zielgruppendifferenzierung ein als in der Erstauflage. Starker Impuls dort: wie geht man jeweils mit den Gruppen der Förderer, Unterstützer, Skeptiker und Gegner (von Wandlungsprozessen) kommunikativ adäquat um? Das Kapitel über die speziellen Felder der Changekommunikation und der Krisenkommunikation hat sehr viel stärker als bisher den Ansatz des Storytellings aufgegriffen (im Change) und stellt sehr konkrete Checklisten besonders für die Krisenprävention bereit. Das alles ist vielfach mit Beispielen veranschaulicht. Übrigens: am Beginn jeden Kapitels steht eine fiktionalisierte Praxis-Szene aus einem Unternehmen mit einer konkreten Mitarbeiterin/einem Mitarbeiter, der mit den thematischen Herausforderungen des jeweiligen Kapitels konfrontiert ist. Das macht die Themen anschaulich und schnell greifbar.

Einführungsbücher zur Internen Kommunikation gibt es zwar nicht inflationär, aber doch einige. Was macht Montuas Buch besonders? Über die Verbindung von wissenschaftlichen und praktischen Kenntnissen hinaus? Nun, Andrea Montua verfügt über beträchtliche Kenntnisse in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und darüber hinaus insbesondere in moderner Psychologie und arbeitet aus einem tiefen Verständnis der Erkenntnisse der (wissenschaftlichen) Neurokommunikation. Dies lässt die Antworten und Empfehlungen, die die Autorin gibt, besonders modern und überzeugend wirken.  Zwar betont Montua in ihren Publikationen immer wieder, Mitarbeiterkommunikation sei viel mehr als nur ein gekonnter Instrumenteneinsatz. Das stimmt. Und dennoch erhält der Leser durch ihre Publikationen, und auch in diesem Buch wieder, eine vertiefte Einsicht, wie und wann man bestimmte Kommunikationskanäle und Instrumente differenziert einsetzt - und wann eben besser nicht. Wie kaum eine andere schafft Montua ein Verständnis für die Stärke und Schwäche von Kommunikationsinstrumenten und stellt ein ganzes Arsenal von Prüf- und Checkfragen bereit, was denn wann bei welchem Anlass und Thema adäquat sein könnte.

Das 230 Seiten-Paperback, auch als E-Book erhältlich, hat sicher nicht alle Antworten auf alle Fragen der Internen Kommunikation. Und es ist auch kein 1:1 übertragbares Rezeptbuch für die Praxis. Bei vielen, wenn nicht den meisten der hier angesprochenen Prozesse hat man durch die Lektüre kein einfaches How to in der Hand. Es bedarf gewiss begleitender Unterstützung durch externe Expertise. Aber was definitiv nach der Lektüre bleibt, ist die Erkenntnis: eine funktionierende, menschenfreundliche Mitarbeiter-Kommunikation in Unternehmen unter den Rahmenbedingungen von Digitalität, Agilität und nie da gewesenem Tempo von vielfachem Wandel, sie ist weniger denn je ein Selbstläufer. Es ist eine vornehme Kunst des Managements und eine Kommunikationsdisziplin, die des Schweißes der Edlen wert ist. Und sie erfordert mehr Ausprägung denn je.

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 15. Juni 2026 auf www.markus-kiefer.eu)

Empfehlung

Andrea Montua, Führungsaufgabe Interne Kommunikation. Erfolgreich in Unternehmen kommunizieren - im Alltag und in Veränderungsprozessen, Springer Gabler, Wiesbaden 2., überarbeitete und veränderte Auflage 2024 230 S., ISBN 978.3-658-41714-7, Euro 44,99

 

 

Erschienen am 15/06/2026 08:52
von Markus Kiefer
in der Kategorie : Für Sie gelesen
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