Nachhaltigkeits-Berichterstattung - Pflicht oder Kür?

Der Gesetzgeber weitet die Pflicht zur Nachhaltigkeits-Berichterstattung von Unternehmen immer stärker aus. Angesichts der starken Normierung: Wie lässt sich eine Eigenständigkeit des kommunikativen Auftritts leisten?

Es ist an dieser Stelle schon in der Vergangenheit auf den immer stärkeren Drang des Gesetzgebers hingewiesen worden, die Verpflichtung von Unternehmen zur Nachhaltigkeitsberichterstattung stärker zu regulieren, sie verpflichtend zu machen und auf immer mehr Unternehmen auszuweiten. Inzwischen deckt die gründlich überarbeitete CSR-Richtline der Europäischen Union für Deutschland nicht nur die 500 größten Unternehmen ab. Im Berichtsjahr 2026 werden zusätzlich börsennotierte kleinere und mittlere Unternehmen einbezogen sein, was auch kleine Kreditinstitute und firmeneigene Versicherungsunternehmen einschließt. Angesichts sowohl der tatsächlichen Klimaentwicklung als auch des öffentlichen Drucks der weltweiten Klimaschutzbewegungen lässt sich die Vorhersage wagen: Die EU wird hier nicht stehen bleiben, weitere Schritte gehen, immer mehr Unternehmen einbeziehen, wobei die Übergangsfristen deutlich kurz gehalten sein werden. Über die eigene Corporate Social Responsibility zu berichten, wird immer mehr zur Pflichtaufgabe werden.

Deswegen ist gerade die mittelständische Wirtschaft gut beraten, das Feld der Nachhaltigkeitsberichterstattung stärker für sich zu entdecken. Und dabei vielleicht gar nicht erst auf Vorgaben des Gesetzgebers zu warten. Sondern proaktiv eigene Akzente zu setzen. Kurzum, das Thema nicht als lästige Pflicht zu verstehen, sondern als Herausforderung einer interessanten Kür. Aus vielen Gründen wäre das sinnvoll. Drei seien hier benannt. Die Gesellschaften vor allem der freien Wirtschaftssysteme räumen der Klima-Thematik mittlerweile einen Top-Rang in der öffentlichen Agenda ein und zwar dauerhaft. In der Situation eines dauerhaften Fachkräftemangels müssen die Unternehmen zweitens wissen, dass viele potentielle Arbeitnehmer sich inzwischen auch danach entscheiden, wie "grün" ihr künftiger Arbeitgeber wirtschaftet. Und zum dritten entscheiden sich immer mehr Verbraucher bei der Produktwahl für ein Produkt mit nachgewiesen grüner Öko-Bilanz (im Vergleich zu nicht eindeutig nachhaltigen Konkurrenzprodukten). Für den Consumer-Bereich ist das inzwischen in weltweiten Studien eindeutig nachgewiesen. Und es ist nicht auszuschließen, dass die Tendenz auch auf die Buying Center im BtB (Business to Business) überschwappt.

Daher entsteht zunehmend für solche mittelständischen Unternehmen, die (noch) nicht von der Pflicht zur jährlichen Nachhaltigkeits-Berichterstattung betroffen sind, ein durchaus lohnendes Ziel ihrer Unternehmenskommunikation. Es ist eine Möglichkeit, sich ein interessantes Alleinstellungsmerkmal durch gute und einfallsreiche Kommunikation in diesem Feld zu schaffen. Gerade auf umkämpften Märkten, mit starken Mitwettbewerbern.

Was lässt sich von denen lernen, die bislang schon von der Pflicht zum Berichten betroffen sind? Folgt man den jährlichen Analysen von Manfred Piwinger, dem Doyen des Kommunikationsmanagements in Deutschland, dann ist die bisherige Leistung der großen Unternehmen eher so etwas wie ein Einheitsbrei (meine Formulierung, nicht seine). Piwinger wertet seit vielen Jahren die Geschäftsberichte und seit einiger Zeit auch die Nachhaltigkeitsberichte der Dax 30 und Dax 40-Konzerne und anderer großer Unternehmen für die von ihm mit herausgegebene Losenblattsammlung "Kommunikationsmanagement" (Verlag Luchterhand/ Wolters Kluwer) systematisch aus. Als ich mich mit ihm, zur Vorbereitung dieser Kolumne, über seine aktuellen Befunde austauschte, ließ er es an Deutlichkeit nicht fehlen. Die Berichte der Unternehmen ähneln sich seiner Analyse nach in drei Punkten. Erstens erfüllen alle ihre Pflichtaufgabe, zum Teil gehen sie weit darüber hinaus und legen über alle Maßen voluminöse Berichte vor. Zweitens versuchen sich alle in einem Überbietungswettbewerb (Motto: "Wir sind grüner als Ihr"). Und drittens geht der Zusammenhang zum Zahlen-Teil der Geschäftsberichte oft völlig verloren. Dieser letzte Aspekt ist besonders interessant. Denn die EU hat ja in ihrer Richtlinie für die Nachhaltigkeits-Berichterstattung lediglich den gleichen Stellenwert eingefordert wie für die Finanzberichterstattung. Eine Entkoppelung war weder vorgesehen noch angedacht. Noch ist sie sinnvoll. Denn im Kern geht es noch immer um erfolgreiches Wirtschaften. Es geht ums Geschäft.

Aus diesen Erkenntnissen lässt sich für die Berichterstattung des Mittelstands durchaus lernen.  Es wäre meines Erachtens nämlich weitaus stringenter auf den Zusammenhang von ökologischer Bilanz und wirtschaftlichem Erfolg hin zu argumentieren. Inwieweit tragen nachhaltige Aktivitäten zu zunehmendem Geschäftserfolg bei? Wo hat eine Transformation des Kerngeschäfts in dieser Richtung stattgefunden? Inwiefern hat das Unternehmen von vornherein neuartige Dienstleistungen und Produkte geschaffen, die an sich schon umweltverträglich sind? Mit welchen Absatzerfolgen? Haben neuartige Geschäftsmodelle mit umweltfreundlichen Produkten denn irgendwelchen ökonomischen Ertrag generiert? Wo hat eine verbesserte Energieeffizienz die Gewinn- und Verlustrechnung entlastet? Wo hat ein reduzierter Ressourcenverbrauch die Einkaufskosten entlastet? Wo hat grünes Wirtschaften neue Investoren und Kreditgeber angezogen, bei denen Nachhaltigkeit oberste Priorität hat? Welche Folgen hatte dieses für unsere Kapitalkosten? An diesen und ähnlichen Leitfragen ausgerichtet, entgeht man der Versuchung, einfach mit Nachhaltigkeitsberichten nur ein grünes Mäntelchen für irgendwelche Stakeholder aufzubauschen. 

Und zuletzt: Der Mittelstand sollte gar nicht erst versuchen, in den oben geschilderten "grünen" Überbietungswettbewerb der Großen einzusteigen. Hier weist die CSR-Richtline der EU einen ausgewogenen Weg. Es geht ja nicht nur um Schadstoffbilanzen, nicht nur um Ressourcenverbrauch. So wichtig diese Blickwickel sind, eine gute CSR-Berichterstattung geht darüber hinaus, schließt soziale und gesellschaftsbezogene Aspekte mit ein. Den Umgang mit und die Fürsorge für Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die Entwicklung einer guten Unternehmenskultur, eine gute Governance mit klar geregelter Unternehmensführung und -Kontrolle, professionellem Lobbying, ethisch einwandfreiem Verhalten der Führungskräfte und Mitarbeiter. Zahlreiche Felder, in denen die Inhalte der Kommunikation eigenständige, auffällige Akzente setzen könnte - womit die zuständigen Kommunikatoren wirkungsvoll zu einem eigenständigen und sympathischen Auftritt ihrer Firmen beitragen könnten.

Markus Kiefer

 

(Kolumne von Markus Kiefer vom 1. Januar 2024 auf www.markus-kiefer.eu)

Erschienen am 01/01/2024 10:10
von Markus Kiefer
in der Kategorie : Auf den Punkt
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