Revolutionäre Geschäftsmodell-Innovationen

Gary Hamels Management-Bestseller erschien bereits vor 26 Jahren. Heute gelesen, erweisen sich erstaunliche Parallelen zu den späteren Ansätzen von Frederick Laloux und Reed Hastings. Die folgende Rezension ist Teil einer Serie von Texten über Management-Klassiker, die unter dem Aspekt einer modernen Mitarbeiter- und Führungskommunikation neu gelesen und ausgewertet wurden.

Gary Hamel steht mit "Das revolutionäre Unternehmen. Wer Regeln bricht, gewinnt" in einer Reihe mit Frederic Laloux ("Reinventing Organizations") und Reed Hastings/Erin Meyer ("Keine Regeln"): Alle drei plädieren für radikal andere Organisations- und Innovationskulturen - weg von Kontrolle, hin zu Verantwortung, Sinn und Freiraum. Hamels Buch ist zwar um die Jahrtausendwende erschienen, wirkt aber im Zeitalter von New Work, Netflix-Unternehmenskultur und den Laloux-Visionen von modernen Unternehmen erstaunlich aktuell.

Der Management-Denker, der als Professor an der Harvard Business School und der London Business School lehrt und nach verschiedenen Rankings zu den weltweit einflussreichsten Management-Vordenkern gehört, beschreibt Unternehmen, die sich nicht mit kleinen Verbesserungen zufriedengeben, sondern ihr Geschäftsmodell immer wieder radikal neu denken - und dafür bewusst mit Branchenlogiken und internen Regeln brechen. Hamel ist bekannt dafür, immer wieder gegen den Strich zu bürsten und vom Mainstream abzuweichen - genau das macht seine Perspektive so wertvoll.

Im Zentrum stehen dabei nicht neue Steuerungsinstrumente, sondern Menschen im Unternehmen, die als unternehmerische "Revolutionäre" auftreten: Sie stellen Selbstverständlichkeiten infrage, suchen nach "unvernünftigen" Ideen und arbeiten daran, aus ihnen tragfähige Geschäftsmodelle zu machen. Seine Fallstudien reichen von Finanzdienstleistern wie Charles Schwab über Netzwerkgiganten wie Cisco bis hin zu Marken wie Virgin, die ganze Branchen mit ungewöhnlichen Angeboten und einem frechen Markenkern aufgemischt haben.

Hamels Botschaft ist klar: Wer vor allem die bewährten Leute in der Mitte und in den Hierarchien des Systems stärkt, bekommt vor allem inkrementelle Innovation. Die wirklich neuen Sprünge kommen von Außenseitern, Querdenkern und Talenten am Rand der Organisation - und genau diese Menschen und ihre Ideen müssen bewusst gesehen, ermutigt und geschützt werden.

Spannend ist der Blick auf Hamel aus heutiger Perspektive: Vieles, was Laloux später mit seinen "revolutionären Unternehmen" ausbuchstabiert - mehr Selbstführung, Sinnorientierung und Freiraum jenseits starrer Hierarchien-, schimmert bei Hamel bereits durch. Und auch der Netflix-Erfolgs-Ansatz einer Kultur mit möglichst wenig Regeln, aber klarem Kontext wirkt wie eine konsequente Fortsetzung der Fragen, die Hamel stellt: Wie viel Kontrolle braucht eine Organisation wirklich - und wie viel Vertrauen, Transparenz und Reife, damit Mitarbeitende Verantwortung für mutige Entscheidungen übernehmen können?

Für die Innovationskommunikation ist das Buch besonders anregend. Hamel macht deutlich, dass radikale Neuerungen nicht nur an Strategen, sondern an der alltäglichen Gesprächskultur scheitern können: Wenn im Unternehmen zu schnell erklärt wird, warum etwas nicht geht, erstickt man genau jene Ideen, aus denen neue Geschäfte entstehen. Kommunikationsverantwortliche können aus seinen Beispielen lernen, wie man Räume für Widerspruch und Experimente eröffnet, wie man Außenseiter und Querdenker sichtbar macht und schützt und wie Führungskräfte den Rahmen so erklären, dass aus scheinbar versponnenen Vorschlägen tatsächlich neue Geschäftsmodelle werden.

Nicht alles in diesem Buch ist wirklich revolutionär, manches wirkt aus heutiger Sicht pathetisch und in der Systematik dünner als spätere Arbeiten zu Organisationsentwicklung und New Work. Aber als energiegeladenes Ideenfeuerwerk, das etablierte Unternehmen aufrüttelt und zur ehrlichen Debatte über ihre Innovations- und Kommunikationskultur zwingt, hat Hamels Text seinen Platz im Regal neben Laloux und Hastings/Meyer redlich verdient. Wer sich mit der Kommunikation von Wandel, mit Freiräumen für kreative Talente und mit der Frage beschäftigt, wie aus anfangs netten Vorschlägen echte Geschäftsrevolutionen sowie erfolgreiche Geschäftskonzept-Innovationen werden, findet in diesem Buch selbst 26 Jahre nach seinem Erscheinen vor wertvolle Anstöße.

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 15. September 2026 auf www.markus-kiefer.eu)

Empfehlung

Gary Hamel: Das revolutionäre Unternehmen. Wer Regeln bricht, gewinnt,
ECON Verlag, Düsseldorf 2000, 383 S.

Erschienen am 15/09/2026 08:06
von Markus Kiefer
in der Kategorie : Für Sie gelesen
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