The richest medium - der Wert des persönlichen Gesprächs als Begegnung

Der Wert des persönlichen Gesprächs als Kommunikationskanal - ihn erkennen wir besonders in Zeiten, wo es gar nicht mehr stattfindet.

Wie das so ist mit Weihnachtsgeschenken. Man nützt sie ja nicht immer sofort, gerade, wenn es sich um Bücher handelt. Mir ging es so. Mit etwas Abstand zum Fest, vor einigen Wochen nahm ich einen Sammelband mit Monats-Kolumnen zur Hand, die ein geschätzter Kollege und Partner regelmäßig in einer Tageszeitung veröffentlicht. Ich las die 12 Kolumnen des letzten Jahresbandes alle mit Gewinn, mal mit Schmunzeln, mal mit großer Nachdenklichkeit. Am meisten nachdenklich machte mich aber das Vorwort. Dort zitierte der Kollege den großen jüdischen Philosophen und Religionswissenschaftler Martin Buber, mit den Worten: "Alles wirkliche Leben ist Begegnung."

Ich kopierte das Vorwort und ließ es bei mir auf dem Schreibtisch liegen. Zumal in dieser Zeit meine nächsten Fachbuch-Rezensionen anstanden, dabei eines über klassische Kommunikations-Modelle. Dort wurde unter anderem das "Rich Media-Modell" vorgestellt. In diesem Modell beschreiben die Autoren, welche Kommunikationskanäle Führungskräften in welchen Situationen besonders wirkungsvoll helfen können. Eine Unterhaltung ist etwas anderes als ein Brief. Ein Brief ist wiederum eine andere Kommunikationsform als ein digitaler Newsletter. Alle diese ganz unterschiedlichen Kommunikationsformen haben ihren eigenen Sinn und Zweck, aber eben nur in und für bestimmte Situationen. 

Das "reichste" Medium, der "reichste" Kommunikationskanal ist in dieser Perspektive das persönliche Gespräch. Es ist emotional, es lässt verbale und nonverbale Signale zu, es gestattet oder erwartet sogar Feedback und Antwort und Reaktion.

Und wie sehr reich das persönliche Gespräch als Medium und Kanal ist, das erfahren wir nun in diesen Wochen der Corona-Krise. Weil wir es vermissen, weil es vielfach gar nicht mehr möglich ist. Weil es bestenfalls durch digitale Formate von Videotelefonie oder Webinare ersetzt wird, mal mit Kamera und Ton für alle, mal ohne oder nur für wenige. Und diese sind eben einfach "ärmere" Kommunikationskanäle. Sie vermitteln eben nicht, wie wir nun alle nun leidvoll erfahren, dasselbe Erlebnis, wie wenn wir mit der Person oder der Gruppe im gleichen Raum interagieren würden. 

Mein geschätzter Kollege, der Harvard-Professor Gary P. Pisano, schreibt in der aktuellen Ausgabe der Harvard Business Review, über die gegenwärtige Zeit, auf Deutsch übersetzt: "Wir werden erkennen, dass wir weit weniger persönliche Meetings brauchen, als wir geglaubt hatten. Ich denke, die Produktionsgewinne dadurch könnten ziemlich groß sein." Ich halte das genaue Gegenteil für richtig. Mag sein, dass der Kollege recht hat in Bezug auf die Kennziffer "Produktionsgewinne". In Bezug auf das Kriterium "Kommunikations-Gewinne" läge er mit seiner Ansicht falsch.

Herrje, wie sehr vermisse ich als Hochschuldozent die persönliche Begegnung mit meinen Studierenden im Hörsaal der Hochschule! Dort, wo ich mit dem physisch präsenten Gegenüber gemeinsam im Gespräch auf die Suche nach der wissenschaftlich guten Erkenntnis oder einfach nach praxisnahen Lösungen gehen kann. Die sokratische Methode des Gesprächs, das geht eben wirklich nur auf in der echten persönlichen Begegnung.

Den wahren Wert von vielem in unserm Leben erfahren wir erst oder wieder in dessen Abwesenheit.

Alles wirklich Leben ist Begegnung. Hoffen wir, dass diese Erfahrung bald wieder so möglich wird. Für uns alle.

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 1. Mai 2020 auf www.markus-kiefer.eu)

 

Erschienen am 01/05/2020 08:51
von Markus Kiefer
in der Kategorie : Auf den Punkt