Über den Umgang mit Narzissten, Tyrannen und Hochstaplern in Top-Positionen
An der Spitze des von Unternehmen hat man es nicht nur mit sozialverträglichen Persönlichkeiten zu tun. Eines der wichtigsten Bücher des weltweit renommierten Psychonanalytikers Manfred Kets de Vries.
Fachbücher über Leadership in Organisationen und Unternehmen sind keine Mangelware. In der Regel bieten sie einen Kanon von Eigenschaften, Kompetenzen und Skills, die erfolgreiche Führung darstellen. Empirisch belegt ist das oft nicht, aber über Fallstudien dann oft für die Leser nachvollziehbar ausgeführt. Themen sind dann in der Regel Entscheidungen, Entscheidungsvorgänge und Prozesse. Selten wird das Innere der Top-Führungskraft unter das analytische Brennglas gelegt.
Hierfür muss man wohl über das nötige psychologische Knowhow verfügen: So wie Manfred Kets der Vries es aufweisen kann. Und das macht die Publikationen des inzwischen über 80-zährigen Niederländers auch Jahre nach Ihrem Erscheinen so faszinierend. Denn der weltweit renommierte Hochschullehrer (INSEAD) und gefragte Berater ist eben beides zugleich: Managementvordenker und Psychoanalytiker.
Sein Blick auf Führungskräfte ist ein primär klinischer. Er geht auf die unsichtbaren inneren Vorgänge, die das nach außen sichtbare Verhalten prägen. Und da geht es eben keineswegs immer rational zu. Topmanager kommen in der Regel in ihre Positionen, weil sie extrovertierte Machtmenschen mit einem ausgeprägten Ego sind. Diese Prägung wird in der Regel nach dem Machtantritt noch stärker. Sollen Organisationen und Unternehmen erfolgreich bleiben, dann sind sie davon abhängig, dass die Psyche der Topführungskraft ebenso im Gleichgewicht bleibt wie das Innenverhältnis zwischen Führern und Geführten.
Dem stellen sich in der Praxis aber viele Hürden und Defizite in den Weg. Die bekannten Spiegelungsprozesse - was sehen die Belegschaft in ihren Topleuten und was spiegeln sie der Spitzenkraft davon zurück - kann auf eklatanten Täuschungen beruhen. Der Top-Mann oder die Top-Frau an der Spitze kann ein überaus überdimensionierter Narzisst sein. Oder ein Hochstapler. Oder ein Tyrann. Oder ein Mensch, der seine Machtposition gewissenlos missbraucht, zum reinen Überleben oder sonstigen Eigennutzen
Die Faszination dieser Phänomene beschreibt Kets de Vries in sieben der insgesamt acht Kapitel dieses Buches. Der Aufbau der Kapitel ist stets gleich. Beschreibung des Phänomens aus klinisch-psychoanalytischer Sicht incl. der wesentlichen Forschungs- und Studienhistorie, dann Fallbeispiele aus der Unternehmenspraxis, manchmal auch Aus der Politik, und dann Vorschläge zur Intervention bei negativ ausufernden Entwicklungen. Im letzten Kapitel umreißt der Autor dann Eckpunkte einer "gesunden" erfolgreichen Führungskraft. Mit der haben wir es dann zu tun, wenn die entsprechende Person gelernt hat, seine inneren Zustände regelmäßig erfolgreich mit den äußeren Umständen in eine gewissen Deckung zu bringen. "Kreative Kongruenz" nennt Kets de Vries dies. Und dieser Erfolg beruhe "... auf Stärkung der Selbstreflektivität, auf Empathie, auf der Fähigkeit zuzuhören sowie auf der Bereitschaft, Dinge und Sachverhalte unter verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten" (S. 190).
Auch nach über zwanzig Jahren des ersten Erscheinens hat diese Publikation nichts an erhellender Erkenntniskraft eingebüßt.
Markus Kiefer
(Kolumne von Markus Kiefer vom 15. Dezember 2025 auf www.markus-kiefer.eu)
Empfehlung
Manfred F. R. Kets de Vries, Führer, Narren und Hochstapler. Die Psychologie der Führung, Schäffer-Poeschel, Stuttgart 2009, 224 S. ISBN9783791030142, Euro 34,95
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