Vertrauen in digitale Arbeitnehmer setzen!

Wenn alle in Pandemiezeiten ins Homeoffice wechseln, stellt sich für viele Unternehmer und Manager eine vermeintliche naheliegende Frage: wie kontrolliere ich jetzt die Arbeitszeit meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

In vielen wissenschaftlichen Zeitschriften, Fachzeitschriften oder Newslettern, die ich regelmäßig lese und für meine Lehrveranstaltungen und sonstigen Projekte auswerte, ist in der letzten Ausgabe des Jahres ein thematischer Ausblick auf das kommende eine gute und gewohnte Pflichtübung. Was wird kommen? Manches ist da sehr spekulativ, anderes gut begründet und einleuchtend.

In einer meiner Lieblings-Managementzeitschriften las ich kürzlich einen Artikel über die in der Pandemie zunehmend ausgeweitete Homeoffice-Arbeit, die ja noch dazu ganz weitgehend von einer virtuellen Kommunikationswelt aus Calls und Videokonferenzen diktiert wird. Darin stand der zentrale und auch noch fett hervor gehobene Satz: "Die große Frage, die sich derzeit alle stellen, ist: Wie kontrolliere ich Arbeitszeit?" Really? Derzeit und alle? Das war mein erster Impuls. Und mein zweiter: Das kann nur von einem Juristen geschrieben sein - und der muss Arbeitsrechtler sein. Wetten? Wenn ich die Chance gehabt hätte, 10 Wetten zu platzieren und diese auf die möglichen, vermutlichen oder wahrscheinlichen Arbeitsfelder des Autors zu verteilen, es wäre bei mir eine ganz klare Gewichtung gewesen. Ich hätte alle zehn auf den Arbeitsrechtler gesetzt. Und als ich die Auflösung zur Person im Magazin suchte, genauso war es!

Ehrlich gesagt, bis dahin war mir der Gedanke überhaupt noch gar nicht gekommen. Und zwar aus einem sehr einfachen Grund. Alle, ausnahmslos alle Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich im gleichen Feld arbeite, teilen die gleiche Erfahrung. Durch die Umstellung auf ausschließlich digitale Strukturen hat sich unsere tägliche Arbeitszeit deutlich ausgeweitet. Die einen sprachen und sprechen von einer Verdoppelung. Persönlich habe ich die Erfahrung, eher mehr. Andere sprechen von einem vierfachen Workload. Zieht man die ein oder andere rechnerische Übertreibung ab, so habe ich an der eindeutigen Tendenz jedenfalls 0 Zweifel. Vor diesem Hintergrund wäre ich auf den Gedanken der notwendigen Kontrolle der Arbeitszeit - aus der Perspektive des Arbeitgebers - definitiv nicht gekommen. Und schon gar nicht hätte ich dies für eine zentrale Frage gehalten.

Wenn da überhaupt etwas zu kontrollieren wäre, so ist in vielen Fällen eher eine zunehmende Selbstkontrolle auf Seiten der Arbeitenden gefragt, um die überhandnehmende, rein am PC, Laptop oder Tablet oder Smartphone verbrachte dienstliche Zeit, irgendwie zu reduzieren. Denn jede und jeder von uns musste ja nicht nur seinen Job weiter machen und inhaltlich gut performen. Darüber weit hinaus: Zig digitale Kompetenzen waren in Rekordzeit neu zu lernen. Und sind es noch.

Gefragt ist also nicht zunehmende Fremdkontrolle, sondern vielmehr zunehmend Selbstkontrolle!

Selbstkontrolle, um nicht auszubrennen, um nicht die dringend nötige körperliche Ausgleichsaktivität, die mentale oder geistige oder religiöse Entspannung komplett zu vernachlässigen, um nicht noch mehr Zeit der Familie, den Partnern und den Freunden wegzunehmen. Wenn überhaupt Kontrolle der Arbeitszeit derzeit angesagt ist, dann doch eher in diesem Sinne. Wie sie in dieser Hinsicht ihre Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unterstützen könnten, dies würde ich für eine zentrale Frage halten, die Unternehmer und Arbeitgeber sich derzeit stellen sollten. Die vom juristischen Kollegen aufgeworfene Frage halte ich hingegen für völlig realitätsfremd - und schon gar nicht für zentral.

Vorrangiger als die formale Frage nach Einhaltung von Arbeitszeiten ist doch dieses. Die Unternehmen sollten in der internen Kommunikation deutlich machen, dass es ihnen vorrangig darum geht, dass die Jobs und die Aufgaben gut erledigt werden. im verständnisvollen Wissen darum, dass dies für ihre Angestellten in einer eher erschwerten Arbeitsumgebung Homeoffice stattfinden muss. 

Wer seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter derzeit in der endlosen Corona-Lockdown-Schleife erneut ins Homeoffice schickt - oder sie darin hält - der sollte seinen Leuten vornehmlich eines schenken: Vertrauen. Und das Zweite darf dann ruhig der mitsorgende Gedanke sein: wie verhindere ich, dass sie sich dort (zeitlich) überfordern?

 

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 1. Februar 2021 auf www.markus-kiefer.eu)   

Erschienen am 01/02/2021 08:03
von Markus Kiefer
in der Kategorie : Auf den Punkt
Teilen :