Visuelles Denken - als belebender Ansatz im Geschäftsleben

Visualisieren ist eine Kunst der Kommunikation. Wer seine Botschaften im Gespräch, im Team, vor Publikum visualisieren kann, der punktet beim Gegenüber. Die niederländische Designerin Willemien Brand zeigt sehr anschaulich, wie man dies im geschäftlichen Alltag wirkungsvoll schaffen kann.

Eine schwierige Teambesprechung steht an. Der aufgesetzte Change_Prozess stottert zum x-ten Mal. Sie denken darüber nach, wie Sie ihre Mannschaft packen können. Wie können die Fehler-Ursachen so herausgearbeitet werden, dass nicht schon wieder eine endlose Schuld-Debatte ausartet? Wie kann das zentrale Ziel unter den vielen möglichen Teil-Zielen für jedermann anschaulich werden?

Oder: Sie stellen Ihr Produktsortiment noch einmal auf den Prüfstand, weil Ihr sicheres Bauchgefühl als Unternehmer oder Manager Ihnen sagt, es ist schon längst überfällig, die bewährte Produktfamilie mit einem neuen Produkt oder einer neuen Linie innovativ zu erweitern. Die bisherigen runden Tische mit ihren Führungskräften haben aber außer endlosem Palaver nichts gebracht, am wenigsten eine zündende, greifbare, neue Produktidee.

Das sind typische Situationen, die im geschäftlichen Alltag nicht gerade seltene Erfahrungen sind.

Was helfen könnte, um weiterzukommen, wäre ein neuer Weg der Präsentation und Debatte. Willemien Brand schlägt ihn mit diesem Buch vor. Sie plädiert nicht nur dafür, auf die Kraft des visuellen Denkens im Business-Kontext zu setzen. Sie macht es auf 143 beeindruckenden Seiten anschaulich vor, wie das aussehen könnte. Und zwar ganz einfach dadurch, dass sie alle angesprochenen Themen zeichnet, in ganz einfachen Formen, Figuren, Gestalten.

Es sind Bilder, die unser kreatives Denken freisetzen können. Die studierte und preisgekrönte niederländische Designerin betreibt mehrere Kommunikationsagenturen. Sie hat bereits zahlreiche Unternehmen weltweit darin beraten, komplexe Sachverhalte und anspruchsvolle Aufgaben in Teams kommunikativ vielfach besser über gestaltete Bilder zu transportieren -, als einmal mehr auf langatmige Reden oder textlastige Power Point Charts zu setzen.

Dieses Buch zeigt viele Bilder für vielfältige Situationen und Themen des beruflichen Alltags, immer eine Mischung aus kurzen Text-Bausteinen, wie zum Beispiel Headlines, und einfachen Zeichnungen ganz unterschiedlichen Formats.

Die meisten von uns dürften zuletzt im Schulunterricht gezeichnet haben. Also, muss man so etwas nicht studiert haben, um das auf überzeugende Weise vor Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu praktizieren - ohne sich lächerlich zu machen? Mitnichten sagt Brand. Man muss das nicht studiert haben, aber man muss es üben, üben, üben.

Und deswegen beginnt sie ihr Buch - nach einer knappen Einleitung über die aktuelle Bedeutung visuellen Denkens - mit einem umfassenden Übungskapitel, in dem sie ihre Leser an die Hand nimmt und Schritt für Schritt aufzeigt, wie eigentlich jedermann, der bereit ist, sich auf diesen Einsatz einzulassen, erste zeichnerische Erfolge hinbekommt. Es beginnt einfach, wird dann Schritt für Schritt anspruchsvoller, ohne dass der am besten gleich selbst das Zeichnen praktizierende Leser sich überfordert fühlt. Gesichtsausdrücke, Menschen, Bewegung von Menschen, Schatten, Konturen, 3D, Pfeile, Verbindungslinien, Überschriften, Rahmen. Brand beschließt das Kapitel, in dem sie zahlreiche visuelle Anregungen für Symbole und Metaphern liefert, zum Beispiel für die Kommunikation einer Vision oder einer Roadmap. Dieses Kapitel liest man am besten, in dem man einfach einen Zeichenblock neben das Buch legt, ein paar Stifte dazu - und es parallel einfach selber versucht. Wenn man einmal angefangen hat, ist der Weg vom Zeichenblock zur Arbeit und Übung mit Flipchart, Metaplanwand, Whiteboard und Plakat nicht mehr weit. 

Wie man mit Hilfe dieser Medien wirkungsvoll visualisiert, zeigt Willemien Brand mit zahlreichen, begeisternden Beispielen in den Kapiteln 3 (Visuelles Storytelling) und vor allem im Kapitel 4 (Visuelles Denken in Businesskontexten). Dieses ist das ausführlichste Kapitel, das fast die Hälfte des Buches darstellt. Und dieses Kapitel allein lohnt schon die ausführliche Befassung mit der Publikation. Denn hier werden nicht nur zahlreiche visuelle Anregungen zum Nachmachen und Selbermachen gegeben. Zugleich liefert Brand eine Anleitung dafür, wie heute moderne Zusammenarbeit in Teams aussehen könnte, die unter den neuartigen betrieblichen Herausforderungen von beispielsweise Agilität und Design Thinking stehen. Im Grunde genommen liefert die Autorin eine Kurzeinführung ins Design Thinking gleich mit. Sie zeigt mindestens zwei Dutzend konkrete zeichnerische Modelle, mittels derer man Kernaufgaben betrieblicher Prozesse vermitteln kann. Beispielsweise bei der Formulierung einer Unternehmens-Vision: Definition eines Purpose, Vision Boards, Goldener Kreis, Herz-Kopf-Test. Oder für moderne Meeting-Formen, die vor allem dem Informationsaustausch dienen: Kanban-Tafel, MoSCow, Größen (XS - S - M - L -XL), Burndown Charts. Oder aber für Sitzungen, die eine Entscheidungsfindung vorbereiten sollen: Denkhüte, Entscheidung mit Tabellen, Entscheidungsbäume. Oder aber für Meetings, die Probleme angehen und lösen sollen: War-Room, Ursache-Wirkung-Diagramm, Tracking Board. Oder aber bei der Erstellung von Prototypen: Prototyp, Minimal Viable Product, Event Canvas, Tracking Board. Und vieles mehr.

Alles ungemein anregend. Selten stellt sich das Gefühl beim Leser ein, das ist überkomplex, so genau werde ich das selber zeichnerisch und gestalterisch nicht hinbekommen. Allerdings wird auch deutlich: der Ansatz eignet sich besonders in und für Unternehmen, die auf den Freiraum und die Selbstverantwortung von aktiven Mitarbeitern setzen, die deren Kreativität nicht nur einfordern, sondern im Sinne neuer Lösungen und Produkte freisetzen wollen. Für moderne Unternehmen, die auf neue Formen der Zusammenarbeit und Kollaboration setzen. Für Unternehmen mit starren Berichtslinien, mit Managern, die ganz überwiegend Top down-Kommunikation praktizieren, lässt sich das alles nur bedingt als Erfolg versprechender Ansatz vorstellen.

Insgesamt: ein äußerst anregendes Buch, das zum sofortigen praktischen Nachahmen einlädt und dafür auch Mut macht. Und nebenbei: in der Gestaltung, in der Papierqualität, in der haptischen Anmutung ist das wirklich ein besonderes Buch. Im Grunde hätte diese Rezension eine Zeichnung sein müssen. Aber, der Rezensent übt noch. Immerhin, er hat angefangen.

 

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 15. Dezember 2019 auf www.markus-kiefer.eu)

 

Lektüre:

Willemien Brand, Visuelles Denken. Denken in Bildern für eine bessere Teamarbeit, Laurence King Verlag, Berlin 2019, 143 S.

Erschienen am 15/12/2019 09:10
von Markus Kiefer
in der Kategorie : Für Sie gelesen