Wissen Ihre Stakeholder, was Sie da tun? - ChatGPT und das Transparenz-Gebot (Mehr Transparenz wagen - Teil 2)

Seit Monaten experimentiert gefühlt jedermann mit Sprachprogrammen auf der Basis Künstlicher Intelligenz. Professionelle Kommunikationsmanager sind in ihrem Tun zu besonderer Sensibilität verpflichtet.

Der Sprach-Bot ChatGPT ist in aller Munde. Er hat eingeschlagen wie kaum eine (Verbraucher-) App zuvor. Experimentiert wird allerorten. Das auf Algorithmen, KI und extensiver Datenauswertung beruhende Modell scheint ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten - und die Türen stehen sperrangelweit offen. Mehr Möglichkeiten und Optionen zu haben, ist an sich ja keine schlechte Sache. Vielleicht nicht untypisch für unser Land, dass dennoch prominent zunächst über die Schattenseiten diskutiert wurde. Oder wird. Die erste Erregungswelle erfasste die Verantwortlichen in unseren Hochschulen und Schulen. Deren Sorge, vielleicht nicht ganz unberechtigt:  werden jetzt nicht ein Großteil unserer klassischen (schriftlichen) Prüfungsleistungen zur Chimäre? Da am Ende ja kaum noch erkennbar bzw. unterscheidbar, was von Schülern und was von Computern formuliert würde. In der Wirtschaft hingegen schauen die Entscheidungsebenen eher voller Hoffnung auf ChatGPT. Ist hier nicht eine grundsätzliche Verbesserung unserer rationalen Entscheidungsfindungen zu erwarten? Weil hier eben eine viel breitere Auswertung von vergangenen, digital dokumentierten Beschlüssen eine bessere Prognose für die Zukunft ermöglicht?  Das ist die Perspektive der Entscheidungsträger. In der Breite der Belegschaft, aber auch bei den Heerscharen der externen Unternehmensberater und Dienstleistern mag da ganz anders gedacht werden. Der Gedanke der eigenen Ersetzbarkeit durch Computerprogramme kann da schnell die Perspektive der neuen Chancen überlagern.

Mich beschäftigt aber ein ganz anderer Gedanke. Er ist aus der professionellen Perspektive der Unternehmenskommunikation gedacht. Aus den vielen Erhebungen und Umfragen zur Nutzung und den Entwicklungs-Optionen von ChatGPT stachen mir neulich Daten ins Auge, die ich erschreckend fand. In einer Umfrage unter 1.000 amerikanischen Führungskräften in der Wirtschaft war auch gefragt worden: Weiß Ihr Chef, dass Sie ChatGPT (oder andere Tools der KI) für Ihren Job nützen? Und die Antwort von 68 (!) Prozent der Befragten: Nein! Eine Zahl, die für mich wie ein Hammerschlag wirkte. Sie sagt eine Menge über die Firmen- und die Unternehmenskultur in der Wirtschaft aus. Sie sagt eine Menge über die Beziehungsqualität von Führungskräften zum Top-Management aus.

Vor allem aber zeigt sie eines: wie viele in der Wirtschaft das Zeitalter der Transparenz noch nicht verstanden haben, in dem wir uns bewegen. Unter den Rahmenbedingungen freier Wirtschaftssysteme sind die Umfragedaten ganz eindeutig: Die Menschen, die Konsumenten erwarten doch gerade von großen, mächtigen, einflussreichen Organisationen immer mehr an Erläuterungen und Begründungen für ihr Tun. Geheimniskrämerei war gestern. Rechtfertigungen, Erklärungen, Kämpfen um die "Licence to operate" sind heute das Gebot der Stunde für die Wirtschaft.

Wenn also Firmen zunehmend ChatGPT einsetzen - sei es bei der Entscheidungsfindung im Management, sei es in der Werbung, in Social Media, in der PR -  dann dürfen doch die Stakeholder zeitnahe und nachvollziehbare Informationen "ihrer" Unternehmen und "ihrer" bevorzugten Marken erwarten, was da ihnen gegenüber praktiziert wird. Ganz so, wie sie schon mit großer Selbstverständlichkeit Informationen verlangen, was mit den Daten passiert, die Unternehmen aus den Transaktionen mit ihnen abspeichern. Ganz genauso wird sich die Erwartungshaltung für den Einsatz von ChatGPT entwickeln. Zumal sich die Erkenntnis langsam aber sicher durchsetzt: es handelt sich bislang in erster Linie um ein Sprachprogramm. In Bezug auf Faktentreue ist ChatGPT derzeit noch keine sichere Karte. Im Gegenteil, wenn es in die geforderten Kontexte passt, erfindet das Programm sogar Fakten. Wenn Sie also Ihre Stakeholder mit Texten, Sprachbotschaften und Messages adressieren, dann haben diese ganz sicher einen berechtigen Anspruch. Nämlich das Wissen hierüber: Hat sich vorher ein menschlicher Repräsentant des Unternehmens Gedanken über mich gemacht - oder aber hat ein Computerprogramm Daten über mich ausgewertet und für die kommunikative Ansprache technisch optimiert? Und wer hat das letzte Wort, den letzten Blick vor Publikation eines Textes gehabt, Mensch oder Maschine? Wenn aber Führungskräfte derzeit nicht einmal ihrem eignen Chef aufdecken, was sie da tun ... Ein schlechtes Zeichen! Das genaue Gegenteil ist gefragt, eine offene Kommunikation darüber, was und die Wirtschaft mit ChatGPT und Co. experimentiert. Alles andere Verhalten wird nur eines befeuern: Das Gefühl, manipuliert zu werden.  

Markus Kiefer

(Kolumne von Markus Kiefer vom 1. November 2023 auf www.markus-kiefer.eu)

 

 

Erschienen am 01/11/2023 08:50
von Markus Kiefer
in der Kategorie : Auf den Punkt
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